Freitag, 20. Mai 2016

Entscheide dich!!! Oder: Was wollen wir eigentlich?

Was machst du heute Abend? – Weiß noch nicht, mal schauen. Je nachdem, wonach mir ist. Entscheide ich spontan.

Festlegen, für was?

Kommst du in drei Wochen mit aufs Konzert von abc? – Weiß noch nicht, mal schauen. Da wäre eigentlich noch die Party von xyz und eigentlich wollte ich noch neue Städte erkunden und eigentlich wollte ich sparen…kann ich das spontan entscheiden?

Festlegen, für wen?

Und dann, dann bist du fertig, Bachelor. Was willst du  machen? – Hm, gute Frage. Erstmal reisen und vielleicht arbeiten, vielleicht ein Praktikum. Mal schauen, was sich so ergibt eben.

Festlegen, wozu?

Ist das euer, ist das unser Ernst?

Niemand kann, niemand will sich festlegen. Treffen auszumachen wird immer schwieriger, immer schwieriger zu planen. Für jemanden, der gerne plant, fällt das natürlich sofort auf, wird das natürlich kompliziert. Aber auch für alle anderen. Auch wenn es praktisch ist, sich im letzten Moment für oder gegen etwas oder für etwas ganz anderes entscheiden zu können, für alle anderen ist es ziemlich anstrengend. Kann man auf dich zählen? Kann man dich mit einplanen? Sollte man sich Zeit freihalten?

Ich will mir nicht ein ganzes Wochenende freihalten, nur damit wir uns an einem Abend eventuell ganz vielleicht spontan sehen können. Ich will nicht auf deinen Anruf warten, der dann kommt, wenn es dir gerade passt. Ich will auch nicht jeden Tag, jede Stunde meines Lebens durchplanen. Aber ich will ein bisschen Beständigkeit und ein wenig Zuverlässigkeit und merke gleichzeitig, dass mir selbst das immer schwerer fällt.

Was, wenn sich mir im letzten Moment eine viel bessere Option bietet? Wenn ich dann schon anderweitig zugesagt habe? Etwas verpasse?
Was, wenn ich ihr zusage, er dann aber doch Zeit hat? Will ich ihn nicht so viel lieber sehen? Aber will ich ernsthaft auf ihn warten?

Was willst du eigentlich?

Das ist wohl die wichtigste Frage. Ich will reisen, etwas von der Welt sehen, Berufserfahrung sammeln, etwas Geld verdienen, ich will all‘ das und noch viel mehr, am besten auf einmal. Zu viel? Vielleicht ja nicht, vielleicht lässt sich das alles kombinieren, aber dafür muss ich planen, überlegen, etwas tun. Mich bewerben, mich informieren und mich festlegen. Vielleicht nur auf eine Option, vielleicht nicht die beste, vielleicht eine, die sich als die beste erweist. Von nichts kommt nichts, wohl wahr. Das schließt nicht aus, dass sich durch einen glücklichen Zufall eine Möglichkeit ergibt, mit der man zuvor nicht gerechnet hat, die man nicht einkalkuliert hat. Und ja, dann sollte man vielleicht kurzentschlossen genug sein, diese Möglichkeit zu ergreifen, ohne wirklich darauf vorbereitet zu sein. Ins kalte Wasser springen. Und nach dem ersten Kälteschock neu schwimmen lernen, auf zu neuen Ufern eben.

Was willst du eigentlich?

Ich will einen coolen Sommer erleben, Spaß haben, Zeit mit Freunden und mir selbst verbringen, das Leben genießen, ihn wiedersehen. Das wollt ihr auch, nicht wahr? Aber spielt der Ort wirklich noch eine Rolle dabei? Oder das, was man macht? Eigentlich ist fast jedes Gespräch mit dir, egal, ob im Bett, im Auto oder auf einer Parkbank, eine größere Bereicherung als jedes Konzert, jedes Festival und jeder Städtetrip. Der Tag ist doch schon ausgefüllt mit dir und mir, dazu braucht es keinen Schnickschnack. Und wenn ich Lust auf Gesellschaft habe, dann ist es egal, wo und was wir machen, Hauptsache wir verbringen Zeit miteinander. Und wenn ich dich wiedersehen will und weiß, dass ich das will, dann fahre ich auch durch das halbe Land und dann plane ich das auch und kann es gar nicht bereuen, kann nichts anderes verpassen. Weil ich weiß, dass ich das will.

Was willst du eigentlich?

Heute Abend? Da habe ich keine Zeit, habe ihr versprochen, dass wir uns sehen. Morgen? Da bin ich verplant, gehe ins Kino. Übermorgen? Da will ich mir einen gemütlichen Abend machen, nur ich. Egal, wofür oder für wen oder für was ich mich festlege: Das ist kein Arbeitsvertrag. Oder noch schlimmer, das ist auch kein Ehevertrag. Ich kann immer noch absagen, mich umentscheiden, etwas ändern, kann immer noch Zurück, wenn es denn notwendig ist oder wenn es nicht anders geht oder wenn es darum geht, was mir gut tut. Letzteres kann von Tag zu Tag verschieden sein, klar, aber normalerweise wissen wir doch, was uns gut tut. Normalerweise weiß ich, was ich will. Und klar, manchmal will ich mich bewusst nicht festlegen, will alles auf mich zukommen lassen, will ein bisschen überrollt und vielleicht überrascht werden. Aber manchmal will ich auch einfach noch die uns verbleibende Zeit hier mit euch genießen und das erfordert eben ein wenig Planung. Manchmal will ich auch einfach viel zu viel.

Was will ich eigentlich?

Ich will meinen Weg gehen, mein Ding machen. Aber mit Rücksicht auf andere. Ich will etwas bewirken, ein bisschen zumindest. Glücklich werden, andere glücklich machen. Und das ist manchmal einfacher als man denkt. Dazu braucht es oft keinen Poetry-Slam, kein Konzert, keine Party. Nichtmal Schuhe oder Schokolade. Glück kommt mit relativ wenig aus, braucht keinen Schnickschnack. Nur deine Aufmerksamkeit. 

Das heißt, wir können uns alle dem Moment widmen, den wir gerade echt und real erleben und müssen nicht in Gedanken Terminkalender wälzen, können Fragezeichen ausradieren, die uns dazu bringen unsere Entscheidung für diese eine Option anzuzweifeln und sie zu bereuen. Es gibt keine bessere Option, es gibt nur den besten Umgang mit deiner Entscheidung. Und dann vielleicht den besten Moment. 


Jül

Sonntag, 1. Mai 2016

Bunte Kiste: April 2016

Abschied, Aufbruch und Ankommen. Platzsuche. So viel Platz jetzt.



Gefreut über: den falschen Bus, weniger „Deutschheit“, eine Jazzbar, einen Ausflug ans Meer, Wattwurm-Häufchen und Bananensalat, Sonne satt und Flohmarkt-Gefühle, erfolgreiches Verhandeln und den schönsten Rucksack, den ersten Sonnenbrand, die letzte Woche, die coolste Crew und zu viel Wein, eine gestellte Frage, Injera und St. George-Bier, verkatertes SecondHand-Shopping, die, die mir das erneute Umziehen und Ankommen leichter gemacht hat, Club Mate, ein signiertes Album, gebuchte Flüge, einen endlos langen Kaffeeklatsch, Campus-Gefühl und Seelenverwandtschaft, Punkmaus-Erinnerungen, die (zweit)beste Band des Jahres und den besten Brunch, Zirbelnüsse, eine geniale Live-Show, doch nicht so viel Schüchternheit, Mitternachtssnacks, kulante Polizisten, Schildkröten und Wiedersehen, mehrere, über eines ganz besonders.

Geärgert über: einen Fehltritt.

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Langsam weiß ich, was er meinte. Weil ich abgeschlossen habe. Weil ich losgelassen habe. Und frei bin. Richtig frei. Und das will ich um keinen Preis aufgeben, will es für nichts und niemanden aufgeben, nie wieder. Denn Freiheit überfordert mich nicht mehr, im Gegenteil. Ich bin ihr gewachsen, bin an ihr  gewachsen, darüber hinaus. Ich folge meinem Herzen. Und das hängt nur an Freiheit. Und vielleicht an Brüssel :)“

„Das merke ich mir für nächste Mal. Ich muss mich zu nichts verpflichtet fühlen.“

„Ich hatte mich schon gewundert, dass mir der Abschied so leicht fällt, von ihnen und sogar von ihm. Dann höre ich dieses bescheuerte Lied und mir kommen auf einmal die Tränen. Denn ich will nicht weg, zu sehr ist mir diese Stadt ans Herz gewachsen. Gut, dass ich weiß, dass ich wiederkommen werde.“

„Bin ich jetzt sogar zu naiv, um mich selbst realistisch einschätzen zu können?!“

„Vermutlich ist es meistens vorteilhaft, immer nur das Positive zu sehen. In diesem Fall war es fatal. Alle Vorzeichen, Warnungen und blinkende Ausrufezeichen übersehen. Ignoriert. Und jetzt habe ich den Trümmerhaufen vor mir, darf wieder mit Aufräumen beginnen, von vorne. Mechanisch, zu oft schon. Wenigstens brauche ich jetzt keine Bedienungsanleitung mehr und auch keine Hilfe, ich weiß wie Wiederaufbau funktioniert. Mühselig ist es trotzdem. Und ernüchternd.“

„Ich dachte, er kennt mich gut, richtig gut. Aber tut er nicht, irgendwas war anders. Ich war anders.“

„Nein, noch ist nichts verloren, im Gegenteil. Vielleicht habe ich das gebraucht, um neue Kräfte zu entwickeln. Ein Schlag, unerwartet, um ihn nächstes Mal abwehren zu können. Und das werde ich. Denn ich gehe immer noch als Siegerin aus dieser Schlacht hervor.“

„Ich verabscheue unser Verhalten, unsere Gesellschaft, dieses System. Und spiele trotzdem mit. Mit eigenen Regeln setze ich mich gleich Schach matt.“

„Wieso nur sind manche Menschen so blind für das, was um sie herum passiert?“

„(…) Aber nichts zu hoffen, nichts zu erwarten, zwanglos. Ja, das ist wohl das richtige Wort. Ein verdammt neues Gefühl. Komplette, absolute Freiheit, seltsam fühlt sie sich an. Seltsam fühlt es sich an, mit dir zu reden und nicht berührt zu werden. Seltsam, auf einmal so viel Platz zu haben, so viel Raum. Ich weiß noch gar nicht, wie ich den füllen soll."

 „Oh ja, wir wollen die ganze Palette, alle Farben ihrer Mütze und alle Farben des Regenbogens. Denn wir haben die Wahl, die freie Wahl, Riesenauswahl. Das werden wir nutzen, tun wir jetzt schon.“

„Irgendwie ist die ganze Bewunderung weg. Und jetzt? Ist ganz viel Platz für Neugier, Respekt und Vertrauen, vielleicht. Vielleicht ist das ganz gut so, in einer Freundschaft ist zu viel Bewunderung irgendwie fehl am Platz. Freundschaft geht nur auf Augenhöhe.“

„Wem wollte ich es nochmal rechtmachen?! Gut, dass ich immerhin da stur bleiben konnte. Gut, dass ich mich nicht noch zu mehr hab‘ überreden lassen. Gut, dass ich Prinzipien habe. Denn so kann er mir nicht noch mehr Vorwürfe machen. Und ich brauche mich auch nicht schuldig fühlen, schließlich bin ich niemandem zu irgendetwas verpflichtet, ihm erst recht nicht.“


Und der Mai?


Ich freue mich auf: Krankenbesuche, Luft zum Atmen, Frühling, den Berg und das erste Festival :)

Jule

Freitag, 1. April 2016

Bunte Kiste: März 2016

Sirenen und Stille. Betroffenheit und Schockzustand. Solidarität und Mitgefühl. Ausnahmezustand, positiv. Großstadt und Wiedersehen. Leben genießen, mit ein bisschen Leichtsinn.


Gefreut über: die beste Schokolade und weltbeste Sandwiches, ein bisschen gendern am Weltfrauentag, ein bisschen Frühling, dieses geniale Reggae-Konzert, Random facts und Stoppelfeten, kommende Wecker, stehengebliebene Uhren und die immer größer werdende Zeitverschiebung, St- Patricks-Feierei, eine große Putzaktion, eine Zusage, Arche-Gefühl, Zusammenhalt und Fürsorge. Meine letzte Seminararbeitskrise und die damit verbundene beste Entscheidung. Dieses London-Wochenende mit Schwesterherz, Street Art in Brick Lane, gute Gene, äthiopischen Kaffee, den perfekten Sprint zum Zug, das teuerste Bier und die teuerste Pizza und einen falschen ersten Eindruck

Geärgert über: Weiß ich nicht mehr. Unbedeutend vermutlich. So eine Erfahrung relativiert alles.

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Ja, vielleicht hat er Recht. Vielleicht sollte ich die Kontrolle abgeben. Vielleicht hindert mich das am Leben, bindet mich am Denken. Er ist beeindruckt, von meinem Willen mich zu kontrollieren. Der Wille, der mich fast zerstört hätte. Der mich gerettet hat. Tut er immer noch. Aber vielleicht ist es jetzt an der Zeit, Kontrolle abzugeben, nicht an ihn, an das Leben. Um mich überraschen zu lassen, nicht nur von ihm, auch vom Leben.“

„(…) und ich habe in endlos langer Ignoranz mit meinem Körper in ihm neben ihm hergelebt ohne zu leben, überleben. Gut, dass ich aufgewacht bin. Dass ich geändert habe, verändert, mich verändert. Dass ich akzeptiere, meistens. Dass ich lebe, jetzt wirklich, jetzt wieder. Jetzt sowieso intensiver.“

„Genug, um stolz zu sein. Zu wenig, um mich damit zufrieden zu geben?“

„Tja, da wuselt die Absurdität dieser ganzen Situation um mich rum, prasselt auf meine Nerven und ich bleibe einfach gelassen. Grinse ihn an und beiße in mein Ziegenkäse-Lavendelhonig-Blaubeer-Sandwich.“

„Wer hätte gedacht, dass ich mir Selfie-Abende nicht mehr fest vornehmen muss. Dass ich ganz automatisch gern allein bin, mit mir und meinen Gedanken. Wer hätte gedacht, dass ich, ich, die mindestens drei Mal pro Woche mit irgendjemandem geskypt hat, eine regelrechte Abneigung gegen virtuellen Kontakt entwickelt. Dass ich Small Talk vermeide, überspringe. Und ja, mag sein, manchmal fühlt es sich einsam an. Ich brauche niemanden, bin stark, bin überlebens- und anpassungsfähig, überall. Ich komme klar, alleine, irgendwie. Weil ich mit mir klarkomme, niemanden brauche, der mein Glück ausmacht. Und trotzdem ist es schön, umgeben zu sein, von Menschen, Menschen, die ich vielleicht kaum kenne, oder gut kenne, oder irgendwelchen Menschen, weil Nähe, weil Vertrauen, weil Verständnis. Berühren, bewegen, beruhigen. Aufwühlen, reizen, provozieren. Weil Glück geteilt viel schöner ist.“

„Hab' ich was im Gesicht oder wieso grinsen mich alle Leute, denen ich begegne, an? Spiegelcheck. Ah ja, hab wirklich was im Gesicht. Auf den Lippen, um genau zu sein. Ein Lächeln, permanent quasi. Also ist wohl nur meine gute Laune ansteckend :)“

„Wünsch dir was. Jetzt. Dann ist es Frieden. Jetzt. Dann braucht es dazu wohl zentnerweise Feenstaub.“

„Da sitze ich in meinem Brüsseler Kabuff, bin in Sicherheit und bin gerührt, dass so viele an mich denken. Nur du nicht. Keine Frage, kein Lebenszeichen. Dabei müsstest du doch wollen, dass ich dir eins sende. Oder? Denkst du noch an mich? Oft? Manchmal? Wenigstens heute? Würde es dich kümmern, stieße mir etwas zu? Dich aus der Bahn werfen? Fragst du dich manchmal, wie es mir geht, was ich mache?  Wenigstens heute? Ich frage mich all‘ das. In Bezug auf dich. Denn ich vermiss‘ dich, nicht akut, keine Sorge. Eher rational, kalkuliert. Das tut auch nicht mehr weh, fühlt sich eher an wie ausgekauter Lila-Lieblings-Airwaves-Kaugummi. Wenn man weiß, dass es der letzte war und man keinen Nachschub kaufen kann. Und den Geschmack vermisst.“

„Verstecken? Einschließen? Weglaufen? Ganz bestimmt nicht. Als würde das irgendjemandem irgendetwas bringen. Sicherheit gegen Freiheit. Als wäre das ein guter Tausch. Als würde es dir mit ein bisschen mehr Sicherheit besser gehen, wenn du dafür die Freiheit aufgibst, dahin zu gehen, wo du willst und das zu machen, was dir beliebt. Ich schlucke, schlucke den kleinen, festen Angst-Kloß so gut es geht hinunter und öffne die Tür. Erster Schritt nach draußen. Die Sirenen heulen auf, gar nicht so weit weg. Verängstigte Gesichter, gehetzte Blicke. Und die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen.“

„Man gewöhnt sich an alles. Sogar an den widerlichen Chlorgeschmack des verkalkten Wassers hier. Man gewöhnt sich an alles. Sogar an das nasskalte Wetter hier. Man gewöhnt sich an alles. Sogar daran, dass du fehlst. Man gewöhnt sich an alles. Auch an die Angst?“

„Ja, was suche ich eigentlich? Das Neue, das Extreme, das Andere. Was gebe ich dafür auf? Ein Zuhause, Zufluchtsort, Sicherheit vielleicht, Halt ganz sicher. Ist es das wert? Ja. Ich habe aber auch keinen Vergleich. Muss nachholen, muss nichts missen. Niemanden vermissen. Und ja, das habe ich mir so ausgesucht."

„Sein und mein Lebenskonzept lassen sich nicht vereinbaren. Stimmt. Aber ist mein Lebenskonzept überhaupt mit etwas kompatibel? Mit jemandem? Vermutlich kann es nur für sich stehen. Vermutlich besteht deshalb die Gefahr, einsam zu werden. Aber das nehme ich in Kauf, daran denke ich nicht. Denn jetzt denke ich nur an mich.“

„Faszinierend. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich endlich weiß, was ich will.“


Und der April?

Ich freue mich auf: Ein wenig Normalität und ein bisschen Brüssel genießen. Meinen Besuch und einen Ausflug ans Meer. Zu Hause, ganz kurz. Regensburg. Ein Konzert. Das alltägliche Abenteuer und das wöchentliche Über-Bord-Werfen meiner Vernunft. 

Jule

Dienstag, 22. März 2016

In Sicherheit?


Brüssel, 22.03.2016. Ausnahmsweise ist mein Handy nicht stumm gestaltet. Und es gibt keine Ruhe. Mir geht es gut, ich markiere „In Sicherheit“ auf Facebook, finde die Luft in meinem kleinen Zimmer auf einmal viel zu stickig, reiße das Fenster auf und höre die Sirenen. Ohrenbetäubend, durchdringend und ununterbrochen. Den ganzen Tag. Brüssel wird zur Sirene. Und ich bin mittendrin. Ich bin in Sicherheit. Momentaufnahme.

Was bedeutet schon Sicherheit? Sicherer Drittstaat. Die Sicherheit, dass du mich nicht verlässt. Die Sicherheit, dass morgen alles besser wird. Sicheres Umfeld. Sicherer Stadtteil. Die Sicherheit, dass du wiederkommst. Sicher ist wohl nur, dass es keine Sicherheit gibt. Ein Wort, das ein nichtexistierendes Phänomen beschreibt. Denn was bedeutet schon Sicherheit?

Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es immer anders kommt als man denkt. Dass mein ganzes Planen oft nichts bringt. Dass ich an alles denke und doch nicht auf alles vorbereitet bin. Dass ich mich sicher fühle, obwohl ich es nicht sollte. Dass ich Angst habe, obwohl ich mich sicher fühlen sollte. Irrational. Dem Zufall überlassen.

Europäisches Parlament. Ich warte auf die Dame, die dort arbeitet und ohne die ich keinen Einlass gewährt bekomme. Erst registrieren. Besucher-Badge sichtbar auf den Blazer geklebt, Personalausweis vorgezeigt, durch die Drehtür und die flughafenähnliche Kontrolle. Heimweg, es ist dunkel. Zum ersten Mal habe ich Angst. Dabei stehen an jeder zweiten Ecke Sicherheitsleute, schwer bewaffnet. So viel Aufwand. Für nichts?

Menschen fliehen. So viele, so viele wie noch nie. Weil die meisten in ihrem Herkunftsland nicht sicher sind, um ihr Leben bangen. Setzen eben dieses auf’s Spiel, um nach Europa zu kommen, um in Sicherheit zu sein und sind es nicht. Denn egal wer, egal ob Flüchtling oder Politiker, egal ob Arm oder Reich, egal ob Jung oder Alt, egal ob. Es kann jeden treffen. Egal, wo. Egal, ob Brüssel oder Beirut oder Paris oder Dorf oder Afrika (Mama, Afrika ist groß!). Egal, was. Denn unglückliche Zufälle gibt es immer, Sicherheit keine. Egal, ob Naturkatastrophe oder Autounfall oder Zugunglück oder Stolperstein. Egal, ob Unachtsamkeit oder Absicht. Egal, ob Überfall oder Attentat. Egal ob. Nein, verdammt. Es ist nicht egal!

Es ist nicht egal, wen es trifft und wo und warum. Denn es trifft immer auch andere, an einem anderen Ort, aus verschiedenen Gründen. Wir haben Verantwortung, nicht nur für uns als Individuum, auch für uns als Menschheit. Denn wir sind Wesen, die rational denken können und es auch sollten. Die Mitgefühl empfinden können und es auch sollten. Die anderen helfen können und es auch sollten.

Wenn du da bist, fühle ich mich sicher. Ich weiß nicht, was das ist. Verständnis. Interesse. Aufmerksamer Blick, du siehst mich an, siehst mir in die Augen, Augenhöhe. Du hast so viel mehr erlebt, bist an so vielen Orten gewesen, da kann ich nicht mithalten, dachte ich immer. Und kann es doch. Denn du weißt, ich brauch‘ dich nicht, ich kann auf mich selbst aufpassen. Und habe doch das Gefühl, dass du auch auf mich aufpasst, heimlich, wenn ich träume und in Gedanken bin und albern werde, unachtsam, leichtsinnig. Und auch das, Momentaufnahme.

Aber wenn wir es schaffen, diese Momentaufnahmen zu sammeln, in denen wir uns sicher fühlen, dann ist das unglaublich wertvoll. Ja, die Regierung kann Sicherheitsvorkehrungen treffen, Institutionen können für ein Gefühl von Sicherheit sorgen, die Polizei trägt dazu bei. Das ist wichtig, unerlässlich. Und dann gibt es jeden einzelnen für uns. Man kann sich selbst Sicherheit geben, das funktioniert. Damit meine ich nicht ein realitätsfernes, die Augen vor der Realität verschließendes „sich in Sicherheit wiegen“ und „in Watte packen“. Damit meine ich vielmehr, Vertrauen zu haben, in sich und in das Leben. Viele Situationen, die Unsicherheit erzeugen, lassen sich allein dadurch leichter ertragen, wenn man weiß, dass man klarkommt, irgendwie. Dass man sich nicht mitreißen lässt von Angst und Panik. Weil es nichts bringt. Viel effektiver und beständiger ist hingegen die Sicherheit, die wir uns gegenseitig geben können, wir alle. Wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind und auch nicht alleine klarkommen müssen. Wenn du meine Hand nimmst und ich weiß, dass mir nichts passieren kann, ich mir fast sicher bin. Und wenn wir uns alle an den Händen nehmen, kann niemand fallen.

Ich laufe durch die Straßen, es ist dunkel. Schummriges Licht wirft Schatten auf die unebenen Pflastersteine, über die ich schon so oft gestolpert bin. Äste knacken, ab und an ein Motorengeräusch. Sollte ich Angst haben? So spät ist es nicht. Vielleicht würde ich mich mit Pfefferspray sicherer fühlen. Vielleicht war es dumm, sein Angebot mich heimzubegleiten abzulehnen. Nur weil ich wieder zu stolz bin. Vielleicht ist es leichtsinnig. Aber was soll schon passieren?

So viel ist heute passiert, immer noch Sirenen. Mir ist nichts passiert. Hätte ich gestern genauso schlecht geschlafen wie vorletzte Nacht, dann wäre ich vermutlich später aus dem Bett gekommen und später aus dem Haus gegangen. Hätte keine Zeit fürs Frühstück gehabt. Hätte dann vielleicht einen kleinen Umweg gemacht, um mir an der Metro Station einen Power-Smoothie zu kaufen. Hätte es in Strömen geregnet, hätte ich wohl eh die Metro genommen. Und wäre an besagter Station ausgestiegen. Es ist nichts passiert. Ihr auch nicht. Eigentlich hätte sie die Metro genommen, zur Sprachschule. Aber sie war gestern feiern und hat verschlafen. Eigentlich hätten seine Eltern kommen sollen. Aber das Flugzeug wurde umgelenkt. Eigentlich hätte er sie am Flughafen abholen sollen, aber er ist eingeschlafen. Verrückt oder? Im Prinzip sind es Zufälle, die entscheiden, Minuten, Sekunden. Gedanken, Ideen, ein Gefühl nur, eine Entscheidung. Und auf den Zufall kann man sich nicht verlassen, eher braucht man einen guten Schutzengel.

So viel ist heute passiert, immer noch Sirenen. Aber sich jetzt verstecken? Angst haben? Klein kriegen lassen? Sicher nicht. Sicher ist es normal, Angst zu haben. Unfassbar. Sicher ist es normal, dass sich alles seltsam anfühlt, komisch ist. Schockzustand. Aber aufhören zu leben? Man muss ja nicht leichtsinnig sein und sich bewusst in Gefahr begeben, sollte man auch nicht. Man kann vorsichtig sein, soll es auch. Aber nicht zu misstrauisch, nicht gegenüber jedem Menschen, der dir über den Weg läuft. Ja, auch nicht zu naiv, ich weiß. Aber wenn wir uns alle an den Händen nehmen, kann niemand fallen. Wenn wir uns alle an den Händen nehmen, kann sie niemand gegen den anderen erheben. Wenn wir uns alle an den Händen nehmen, fallen Waffen zu Boden. Wenn, dann jetzt. Jetzt erst recht. 

Jule

Sonntag, 13. März 2016

Wünsch dir was

Ich blinzle. Sonnenlicht fällt durch den Spalt im Vorhang und blendet mich, blendet uns. Tagesanbruch. Geschlafen? Haben wir nicht. Geredet? Haben wir viel. Über Kleines und Großes, Banales und Wichtiges, Unsinniges und Ernstes. Gefühlt? Haben wir auch. Mitgefühl, vor allem. Verständnis. Trauer, ein wenig, Hoffnung und Freude, Lust. Und jetzt? Liegen wir hier und sind uns nah und grinsen uns an, die Nacht ist uns ins Gesicht gemalt, hat uns gezeichnet. „You have to make a wish“, sagt er, und pflückt eine Wimper von meinem verschlafenen Gesicht. Gewünscht?

Gewünscht habe ich mir nichts. Nichts, was den Moment betraf, denn der war gut so wie er war. Aber was dann? Das verrate ich natürlich nicht, geht ja nicht in Erfüllung sonst, weiß man ja. Was ich in dem Moment aber nicht gleich wusste, was ich mir wünsche. Mir oder dir oder uns oder euch oder ihnen. Ratlos. Wunschlos. Aber auch wunschlos glücklich?

Natürlich habe ich Wünsche. Jeder hat sie. Und sei es auch nur der Wunsch, dass aller so bleibt wie es ist. Der Wunsch nach Beständigkeit. Oder aber der Wunsch nach Veränderung. Der Wunsch, dass dieses oder jenes NICHT passiert. Nicht MIR passiert. Sind Wünsche egoistisch? Dürfen sie es sein?

Natürlich habe ich auch Wünsche, die größer sind, die nicht nur mein beschauliches Leben und mich als Person betreffen. Sondern auch Wünsche, die meiner Familie gelten, meinen Freunden. Ihnen wünsche ich das Beste, ihnen wünsche ich Glück und Erfolg und Gesundheit und überhaupt. Habe auch Wünsche, die uns zwei betreffen, dich und mich. Die nur dich betreffen. Nur euch, euch alle. Wünsche, die die Menschheit betreffen. Mich mit eingeschlossen. Wünsche, die diejenigen betreffen, die arm oder krank sind, die leiden oder Angst um ihr Leben haben müssen. Mich ausgeschlossen. Aber sind diese Wünsche dann nicht zu generell, zu idealistisch, utopisch, anonym?

Make a wish. Das klingt simpel. Aber wie Prioritäten setzen? Welcher meiner Wünsche ist jetzt der wichtigste? Ich muss mich ja für einen entscheiden. Früher habe ich mir immer gewünscht, dass all meine Wünsche in Erfüllung gehen, die Augen zugekniffen und die Wimper weggepustet. Ohne mit der Wimper zu zucken natürlich. Aber ich glaube, das hat nicht gezählt, hat auch nicht funktioniert. Während all das in meinem Kopf vor sich geht, ich den ein oder anderen unsinnigen Satz von mir gebe, drückt er mir ungeduldig die Wimper auf meine Nase. „It’s just a wish“. Stimmt auch wieder. Und dann fällt mir glücklicherweise ein, dass ich viele Wimpern habe und mir nächstes Mal einfach etwas anderes wünschen kann. Einmal für mich, einmal für dich, einmal für uns, einmal für euch und einmal für sie. Und dann wieder von vorne.

Das wichtigste ist doch, dass wir Wünsche haben. Wünsche, dass etwas so bleibt, wie es ist, weil wir erkennen, dass es gut so ist. Es anerkennen. Und zu schätzen wissen. Träume, wo es für uns noch hingehen soll. Träume, die uns vielleicht den Weg zeigen. Wünsche, dass etwas anders werden soll, weil wir erkennen, dass uns etwas nicht gut tut. Es merken. Und verbessern wollen. Vorstellungen davon, wie eine bessere, gerechtere Welt aussehen soll. Vorstellungen, die uns vielleicht Ideen liefern, uns motivieren. Wünsche, dass es ihnen gut gehen soll, weil wir erkennen, dass vieles ungleich verteilt ist. Es uns stört. Und uns zu Kämpfern macht, zu Mitfühlenden. Wünsche, die uns menschlich machen.


Und vielleicht braucht es auch gar nicht so viele Wünsche wie Wimpern. Vielleicht braucht es nur Glaube, Vertrauen und ein bisschen Feenstaub. Sagt zumindest Peter Pan. 


Jule

Dienstag, 1. März 2016

Bunte Kiste: Februar 2016

Pause und gleich weiter. Altes und Neues, vertraut und aufregend. Gesellschaft und Nähe, Glücksmomente, so einfach. Alltag, so schnell schon.


Gefreut über: einen Cocktail-Abend, Herdfotos und andere Ticks, eine Tanznacht mit den Besten, „meine“ Stadt, Wiedersehen, neue Menschen, neue Aufgaben, neue Interessen, neue Plätze, eine andere Welt, diese eine Nacht, zu viel Nähe, mentale Stärke, Tiefsinnigkeit und Oberflächlichkeit, ungarisches Vokabular, Badges und Buffets, eine gewisse NGO-Aktion, Chimay bleue und die Zwischenetappe 100

Geärgert über: zu viel Ablenkung und zu wenig Disziplin, Literaturberge und meinen nächtlichen Sturz

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Einfach mal wieder tanzen, tanzen, Augen zu. Musik überall, es vibriert und dröhnt, ich hüpfe und dreh‘ mich und grinse. So einfach ist das.“

„Auszug aus Ägypten, mal wieder. Der 17te? :D Was dann folgt: die Reise nach Jerusalem, denn ein Platz darf freibleiben.“

„Krass, wie die Zeit verfliegt, ich komme kaum noch mit, komme definitiv nicht zum Stillstand. Was wäre wenn? Wahl hab‘ ich aber keine, meine Beine bewegen sich wie von selbst, ich laufe mit. Oder hinke hinterher vielmehr, gedanklich auf jeden Fall. Immerhin hab‘ ich so keine Zeit nachzudenken, mache alles unbewusst. Und muss mir vielleicht nur dessen bewusst werden.“

„Dieser Bahnhof, schon wieder. Aber, was soll ich sagen, es berührt mich nicht. Ein Bahnhof wie jeder andere. Und ich bin eh nur auf der Durchreise, habe ein anderes Ziel.“

„Beruhigend, dass alles noch beim Alten ist. Sie verändern sich nicht. Die gleichen Gesten, die gleichen Worte, die gleichen Witze. Ich lache und fühle mich zurückversetzt, fühle mich anders. Verstörend, dass alles noch beim Alten ist, sich aber neu anfühlt. Nichts hat sich verändert, nichts, außer ich selbst, das wird mir jetzt umso klarer.“

„Das ist meine Stadt, da gehör ich hin. Ein bisschen, für immer. Hier fliegen Erinnerungen, viele, viele gute, viele schlechte. Hier schwebt Freiheit, hier hängt mein Herz.“

„Für Trauer war da wohl kein Platz. Hier schon, denn hier war sein Platz. Unbegreiflich, unfassbar traurig. Warum?“

Es sollte eine Überraschung sein, eine gelungene. Ich dachte, er freut sich mich wiederzusehen. Und dann schaut er mir kaum in die Augen.“

„Seit wann bin ich zu sozial? :D“

„Irgendwie gefällt mir diese Welt, obwohl ich nicht so ganz dorthin gehöre. Spannend ist sie, komplex, oberflächlich vielleicht. Gut, dass ich abends meinen Blazer ausziehen und sie wieder verlassen kann.“

„Das war eigentlich gar kein Abstand suchen von ihm, das war Nähe vermeiden. Tja, hat wohl nichts gebracht :)“

„Na und? Dann bin ich eben Glückskeksspruch-Sammlerin. Dann bin ich eben naiv. Das Leben ist schon schwer genug, merkst du doch. Da muss man es sich nicht noch schwerer machen, machen wir eh schon, mit unseren ganzen Gedanken. Du noch mehr als ich sogar.“

„Irgendwie verstörend, wenn man sich nicht so gut kennt und sich gleich so nahe ist.“

„War das eine Verzweiflungstat, um uns gegenseitig zu trösten oder war das mehr? Vielleicht ist das schon wieder naiv, aber ich glaube, ich hoffe, es war mehr. Vielleicht ist ersteres aber auch der Grund, wieso es sich jetzt so komisch anfühlt.“

Stimmt. Il faut toujours poser les bonnes questions."






Und der März ?


Ich freue mich auf: ein Konzert, das Osterwochenende, die Abgabe meiner Seminararbeit und alles dazwischen

Jule

Samstag, 20. Februar 2016

Die Welt ist so klein. Und doch viel zu groß für mich.


Die Tür geht auf, jemand sitzt bereits an dem langen Tisch. Sie hebt den Blick und ich denke mir: He, die kenn' ich doch. So trifft man sich wieder, zufällig, in einer anderen Stadt, einem anderen Land, einem anderen Zusammenhang. Nicht immer erfreulich, aber immer eine Überraschung. Und der, der so wahnsinnig hilfsbereit ist, der ein Lächeln hat, das Nähe schafft, er erzählt mir, wie er hierhin gekommen ist. Und erwähnt dabei den, den ich mit dieser Stadt, dieser Erfahrung verbinde. Vermutlich der einzige, der mir in dieser Zeit nahekommen durfte. Und wir, verschiedener könnten wir nicht sein, kennen ihn beide. Schon wieder Nähe, eine neue. Nein, diese Zufälle liegen nicht nur daran, dass Brüssel eine Multikulti-Stadt ist, nicht daran, dass im EU-Parlament jedes Land und jede Region Europas vertreten ist und auch nicht daran, dass die Organisation Arche eine internationale ist. Schon eher liegen sie daran, dass viel über Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. Und am meisten liegen sie wohl daran, dass die Welt ziemlich klein ist. Handtuchgröße, wie die Spanier zu sagen pflegen.

Ich sitze in diesem Saal, inmitten von wichtig aussehenden Menschen. In einer Hose, die unbequem ist und mit einem Notizblock auf meinen Beinen. Ich versuche mich so hinzusetzen, dass der Schlag meiner schwarzen Stoffhose die Risse in meinen Schuhen überdeckt. Hier zählt der Schein. Und was steckt dahinter? Jede Menge Informationen, die in dieser Diskussion hin und her geworfen werden, jede Menge Worte, die ich nicht verstehe. Beschlüsse, Gerichtsverfahren, Artikel, Gesetze. Aaah. Ich verstehe ziemlich wenig, stelle ich fest. Merke aber auch, dass es hier noch um etwas anderes geht, darum, wie man sich gibt, wie man wirkt, was man von sich hält und wie man es verkauft. So naiv bin ich wohl doch nicht mehr. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich denke: He, das ist auch nur ein Mensch. Allerdings einer, dem sein Auftreten wichtig ist, sein Ruf, sein Gehalt. Das, was morgen in den Zeitungen steht. Es geht darum, die breite Masse zu beruhigen. Sie hinter sich zu bringen. So zu tun, als wäre alles transparent. Ist es nicht, es ist undurchsichtig und komplex, so weit bin ich schon. Allerdings verstehe ich noch viel zu wenig von diesen Dingen, denn vermutlich ist die Welt doch ein wenig zu groß, diese Welt zumindest.

Feierabend. Ich laufe zurück, den Weg, an dem ich beinahe jede Hausfassade kenne, jede Stolperfalle und jeden Straßennamen. Natürlich hilft das bei meiner fehlenden Orientierung nicht immer, dann bringe ich alle Straßennamen durcheinander, die Himmelsrichtungen sowieso. Und wenn ich anfange zu träumen, wird sowieso jeder Kieselstein zur Gefahr. Bin nämlich schon wieder dabei, voll im Tagtraum. Und da ist mittlerweile ziemlich viel Platz, nachdem ein paar Träume kategorisch nicht mehr geträumt werden, nicht mehr geträumt werden wollen. Vielleicht mittlerweile gar nicht mehr existieren. Luftleerer Raum ist es trotzdem nicht, denn ich träume von der Ferne. Ja, ich weiß, ich befinde mich eigentlich gerade im Ausland. Aber das zählt nicht, das ist zu sehr Zuhause, immer noch und jetzt wieder neu. Nein, ich will weiter weg, auf einen anderen Kontinent, nochmal so wachgerüttelt und durchgeschüttelt werden. Nicht im Kleinen wie letzte Woche, wie schon ein paar Mal in meinem Leben, sondern im Großen, wie letzten Sommer, noch mehr vielleicht. Und dann denke ich an alle Länder, die mich interessieren, an alle, von denen ich ebenfalls viel zu wenig weiß und merke, wie ich schrumpfe. Denn die Welt ist viel zu groß.


Bei all der Vielfalt, der geografischen und kulturellen Größe dieser Welt, der Komplexität der Themen, die diese Welt betreffen, ist es ein Leichtes, sich klein zu fühlen, unwissend, unbedeutend, unwichtig, verloren. Umso besser, wenn man abends irgendwohin kommt, wo es sich ein bisschen nach „Zuhause“ anfühlt. Das kann Familie sein, Freunde, nette Menschen. Das kann ein Bett sein, mein „Nest“, dein Bücherregal. Das kann auch einfach nur man selbst sein, mit seiner eigenen kleinen Welt. Dann schreibe ich diese Sätze, andere noch, kritzele ein paar To-Do-Listen, trinke Ingwertee mit Zitrone und Honig oder doch lieber Chimay bleue, ziehe meine Kuschelsocken an und die Welt fühlt sich heimelig an. Ich habe irgendwo einen Platz, irgendwie, auch wenn ich den nicht genau definieren kann. Der Platz ist da und ab und an stehe ich auf und gehe umher, verlasse ihn, um in die große, weite Welt zu ziehen. Um sie kennenzulernen, um damit anzufangen. Um mich selbst besser kennenzulernen und egal ob im Großen oder im Kleinen, bedeutend ist es allemal. 


Jule