Freitag, 20. November 2015

In was für einer Welt leben wir eigentlich?!

Ein Freitagabend in Deutschland. WG-Essen, Gemütlichkeit. Cocktails, Feierlaune. Wir sind in Sicherheit. Und nehmen es nicht wahr, wissen es nicht zu schätzen, lachen, unbekümmert. Stunden später stellen wir fest, dass diese Sicherheit ein Trugschluss war, dass es Sicherheit gar nicht gibt. Nicht zu 100 %, nicht mal in dieser bayrischen Kleinstadt. Und erst recht nicht in dieser französischen Großstadt.

Menschen sind auf der Flucht, so viele, auf der Flucht vor Krieg, Leid, Terror. Wollen in Sicherheit sein, ihre Liebsten in Sicherheit wissen. Und kommen zu uns. Und müssen wieder bangen, um ihr Leben, um ihre Liebsten. Was ist das für eine Welt? Was passiert gerade? Was wird aus unserer Menschheit, der angeblich intelligentesten Rasse auf diesem Planeten?

Ich bin ein Optimist, manchmal naiv, leicht zu blenden, glaube ich doch immer an das Gute im Menschen. Und werde manchmal enttäuscht, verletzt. Muss feststellen, dass es nicht jeder gut mit mir meint, mit dir auch nicht. Aber dass diese Tatsache zu Misstrauen führt, das uns im Weg steht? Das mich daran hindert, mich dir zu öffnen. Aus Angst verletzt zu werden, mal wieder. Das uns daran hindert, auf Fremde zuzugehen. Aus Angst vor Terrorismus, panisch. Das darf nicht sein. Gerade jetzt ist es wichtig Vertrauen zu haben, in den Staat, die Politiker, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen. In unsere Gesellschaft, an Zusammenhalt und Solidarität. Und vor allem in den Nächsten, der, der neben uns steht, den wir vielleicht nicht kennen, dem wir aber mal die Hand reichen können. Denn aus Misstrauen werden Vorwürfe, die viel kaputtmachen, die Zwietracht säen und uns angreifbar machen.


Also hört auf, denjenigen Vorwürfe zu machen, die trauern, die Mitgefühl zeigen für Paris. Egal, ob öffentlich oder still. Egal, ob sie beten oder ihr Profilbild ändern. Jeder nimmt anders Anteil, jeder trauert anders. Und hört auf, mit dem Finger auf die zu zeigen, die mit ihren Gedanken mehr in Paris sind als in Beirut. Oder Mali oder Afghanistan oder Eritrea. Deutschland ist nun mal geografisch näher an Frankreich. Und viele sind mit unserem Nachbarland auch stärker verbunden als mit einem Land, in dem sie noch nie waren. Ich nehme mich nicht aus. Aber das heißt nicht, dass Kriegs-und Terroropfer in nichteuropäischen Ländern weniger wert sind oder dass ich nicht Anteil nehme an dem, was auf anderen Kontinenten passiert, es ist nur weiter weg, aber trotzdem präsent. Es gibt keinen Maßstab für Trauer, Mitgefühl, Solidarität. Es gibt keine Skala und keinen Richtwert. Wichtig ist doch nur, dass es uns nicht egal ist, was passiert. Dass wir uns wehren, zusammen. Also kommt schon, reißt die Fäuste hoch! Doch davor: nehmen wir uns an der Hand. 

Jül

Mittwoch, 11. November 2015

Bin ich im falschen Film?!

Das Leben ist kein Film. Kein Film mit Happy End. Und auch kein Roman. Oder vielleicht doch?


Letzte Woche war in an einem Punkt, an dem ich keinen anderen Ausweg sah als Frontalknutschen. Den Film natürlich. Den besten Film überhaupt, zumindest wenn man sich vom Leben ablenken will und sie gleich mit. Und was soll ich sagen? Es hat funktioniert, es funktioniert immer. Zumindest für die Dauer des Films und für ein paar Momente danach. Und dann fange ich an mich zu fragen, warum mein Leben nicht ist wie im Film, warum es im echten Leben so selten Happy Ends gibt und warum nicht einfach mal alles einfach sein kann oder wie im Film furchtbar kompliziert, um dann doch ganz einfach zu sein.

Klar, dann wäre ja alles ziemlich langweilig, öde, trist. Vorhersehbar. Aber Moment, auch im Film passiert doch ständig etwas, etwas Unerwartetes, dramatische Wendung, Höhepunkt. Aber irgendwie passt am Ende immer alles. Alles passt zusammen, das Puzzle ist vollendet und das entstandene Bild wunderbar. Mit Popcorn finden wir es fast noch besser, egal ob süß oder salzig.

Warum schauen wir überhaupt so gerne Filme mit Happy End? Warum sind wir enttäuscht, verstört, traumatisiert gar, wenn ein Film nicht gut ausgeht? Klar, ich pflege zu sagen, dass Filme ohne Happy End eh viel besser sind, weil innovativer und realistischer. Und doch bin ich enttäuscht, meine Weltordnung gerät ein wenig ins Wanken, sollte mich das Ende eines Films unbefriedigt zurücklassen, mit offenen Träumen und zerstörten Illusionen.

Flucht vor der Realität, Augen verschließen. Erst im Kino oder vor dem Fernseher oder vor einem anderen Bildschirm dürfen die Augen wieder geöffnet werden. Eintauchen in eine andere Welt, in das Leben anderer Menschen, die uns eigentlich total ähnlich sind. Dass es sich dabei um Schauspieler handelt, blenden wir mal eben aus. Das ist jetzt unsere Realität, eine, in der Platz für Träume ist. In der man sich wiederfindet und hoffen kann, dass alles gut wird am Ende. Noch besser ist es fast mit Büchern, da bleibt mehr Raum für Fantasie. Da können wir uns die Welt in den buntesten Farben ausmalen mit ganz viel Glitzer. Auf dem Boden der Tatsachen liegt eh zu wenig, finde nicht nur ich. Auch finde ich, dass wir uns schon ein wenig Glitzer aus Büchern und Filmen mit in unser Leben nehmen können, dann werden unsere Sorgen vielleicht überfunkelt.

So oder so ist es gut, dass es sie gibt, unsere Sorgen, Ängste, Probleme. Dass wir damit konfrontiert werden und nicht ewig davor flüchten können, auch nicht mit Serien-Dauerschleife. Denn das macht uns stärker, macht uns zu den Menschen, die wir sind. Zu Löwen, die wissen, wie man kämpft und zu Vögeln, die wissen wie man fliegt. Auch wenn wir davor gefallen sind oder gerade weil. Das ist die Realität. Hart und unbarmherzig. Manchmal. Und manchmal trotz der Kompliziertheit des Lebens richtig schön. Oder gerade weil. Denn das Leben schreibt die tollsten Geschichten, egal ob süß oder salzig.


Die Realität ist ein Auf und Ab und das ist wohl gut so. Das Drehbuch ist noch unvollständig und die letzte Szene noch nicht gedreht, die letzte Seite noch nicht geschrieben. Und wenn doch? Dann heißt es Seiten rausreißen, neu schreiben, überschreiben. Mit Kuli und nicht mit Bleistift. Kritzeln, wild und hemmungslos, immer wieder, Schnörkel, Ecken, mehr als drei Punkte. Und selbst am Schlusspunkt angekommen gibt’s immer noch ‘ne Chance auf Teil 2. Und 3 und 4. Und überhaupt auf eine Never-Ending-Story. Mit einem Happy End natürlich. Oder besser noch mit 2 Happy Ends, oder 3 oder 4. 


Jule

Sonntag, 1. November 2015

Bunte Kiste: Oktober 2015

Eskalation und Euphorie. In Bewegung und auf der Suche. Immer unterwegs und immer in Aktion. Stillstand unerwünscht.



Gefreut über: die perfekte Welle, Qualitätsgelaber, dieses geniale Buch, Kaffeelotten-Momente, Wiedersehen, vor allem dieses eine, Glücksgefühle, Gastfreundschaft, Neologismen für NEON, Feierlaune, Campusgefühl, neue Bekanntschaften, Eskalation Deluxe, Muskelkater, bunte Lichtkreise an der Wand, ganz viel Holz und noch mehr Bier, Herbstsonne und eine Garten-Aktion

Geärgert über: meine defekten Nebenhöhlen, zu viel Übermut und zu viele Optionen

Auszüge aus meinem Tagebuch:

"Und da war es wieder. Dieses Gefühl. Kurzschlusshandlung. Schmerz betäuben"

"Das dürfte ich nie mehr denken, nie mehr wollen. Eigentlich. Gedanken gehen eigene Wege. Egal, ob da Stacheldraht liegt, Dornenranken, mitten durch. So dürfte ich nie mehr gehen, nie mehr handeln. Gefühle zeichnen eigene Linien. Nie gerade. Immer Schnörkel, zickzack. Nie vorhersehbar, nie berechenbar. Beherrschung verloren. Und jetzt?"

"Da treffen wir so oft aufeinander, reden, aber reden aneinander vorbei. Wir verbringen Zeit, aber nicht miteinander. Die Zeit fühlt sich verloren an. Wir gehen nebeneinander her, sind aber schon viel zu weit voneinander entfernt. Waren es schon länger, ich wollte Geschichten verlängern, über’s Ende hinausschreiben. Zu viel gesagt. Zu viel in’s Leere gesagt, nichts kommt mehr an. Ich kann die Antwort schon gar nicht mehr hören, stehe auf der anderen Straßenseite. Ich will die Antwort auch gar nicht mehr hören. (...)"

"Das kam unerwartet. Und doch bin ich gefasst. Das wird an meiner Stärke nichts ändern, habe ich gerade entschieden. Und der Entschluss ist gefasst."

"Klar, genau, Jule. Steiger dich ruhig rein. Machst du ja so selten, ist auch so verdammt sinnvoll."

"Um 4 Uhr nachts ist man immer noch am kreativsten. Wenn die Welt schläft, erwachen meine Gedanken hihi :D"

"Ich hasse solche Prozesse. Den Entschluss hab‘ ich doch schon längst gefasst, wieso dauert denn die Umsetzung so lange?!?"


"Da war ich wohl mal wieder Dampfmaschine :D"

"Nice, ich kann diesen Schalter ja selbst umlegen, ich brauch‘ nicht mal einen Klick-Moment dafür."

"Nein, das gehört nicht zu mir, das bin ich nicht. Schon seltsam, dass ich mir da auf einmal so sicher bin."

"Dieser Gedanke hat sich so festgesetzt wie der Nebel in Regensburg." 

"Wie viel Berührung ist zu viel? Wie viel zu wenig? Und was, wenn zu viel für mich zu wenig ist und zu wenig für mich eigentlich immer noch zu viel?"


Und der November?


Ich freue mich auf: ein bisschen Ruhe im Alltag, noch mehr Kaffeelotten-Momente, noch mehr Partys, Wochenendausflüge, Wiedersehen. Und auf’s Snowboarden! 

Jule

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Öfter mal...eskalieren

Das meine ich positiv. Eskalieren im positiven Sinne. Denn dieses Wort hat eigentlich eine negative Konnotation, eine negative Bedeutung. Eskalation meint die Verschärfung eines Zustands oder einer Situation. Steigerung, immer höher, immer weiter, in den meisten Fällen immer schlimmer. Gespräche können eskalieren, Konflikt, Streit, Schlägerei. Verhandlungen können eskalieren, Respektlosigkeit, Beleidigungen, Beschimpfungen, Demütigung. Schon vorhandene Konflikte können eskalieren, sich verschlimmern, ausarten. Unkontrollierbarkeit. Alles Worte, die uns tagtäglich zu Ohren kommen, die uns in Schwarz und Großbuchstaben auf den Titelseiten der Zeitungen entgegenspringen.

Springen ist mein Stichwort. Nach oben springen. Eskalation bedeutet nämlich ganz allgemein, dass ein Zustand oder eine Situation eine qualitativ höhere Stufe einnimmt. Warum nicht im positiven Sinne? Warum nicht all den negativen Schlagzeilen etwas entgegensetzen? Warum nicht positiv eskalieren? Denn ja, ich bin der Meinung, auch positive Gefühle können eskalieren.
Dieses Flattern in der Magengegend, kleines Kribbeln, aus dem auf einmal Schmetterlinge werden, Schwärmerei für einen Menschen, die zu ernsthafter Verliebtheit führt und in echter Liebe eskaliert. Sympathie für einen Menschen kann eskalieren. Ich habe ihn gesehen, ganz kurz nur, da, am Bahnhof. Und dann dieser Wortaustausch, Small Talk eigentlich. Die Art, wie er mit seinen Händen Gesagtes unterstreicht, seinen Kopf schief legt, lächelt, ein bisschen schief. Und dann dieses Gespräch, das so vieles geheim hält und doch so vieles offenlegt. Und das meine anfängliche Sympathie für diesen Menschen eskalieren lässt, sie artet aus, in komischer Faszination und ehrlichem Interesse. Empathie kann eskalieren, finde ich. Da wird man vielleicht urplötzlich Vertrauensperson, war es vorher nie, nicht für sie, und fühlt sich geehrt, möchte zuhören und da sein und wird berührt von ihrer Geschichte, ihren Gedanken, ihrem Leid. Und möchte helfen, dringend, jetzt und effektiv. Wenn Empathie eskaliert, vergisst man einen Moment – oder mehrere - seine Probleme und wird mitgerissen von demjenigen, der sich uns anvertraut hat, dessen Geschichte und Gefühle wir kennengelernt haben. Und man wird Teil davon.

Springen ist immer noch mein Stichwort. Ich bin gesprungen, bis in den Himmel (quasi) und darüber hinaus, bin gefallen. Ich war Teil davon. Ich war Teil von dieser großen, singenden Menschenmasse, die eindeutig eskaliert ist. Ich war auf diesem Konzert und bin mitgerissen worden. Eskalation Deluxe. Die Luft ist aufgeladen, Kurzschlussgefahr, unerträgliche Hitze, so viel Energie. Eine Energie, die uns alle erfasst, uns mitreißt, uns zum Glühen bringt und Emotionen überkochen lässt. Eine Energie, die so ansteckend ist, dass ich nicht anders kann als ihr durch Springen Raum zu geben, immer weiter, immer höher, pure Ekstase trotz totaler Erschöpfung. Die Musik ist zu laut, die Luft zu stickig, der Raum zu eng. Und trotzdem bin ich frei, bin am Ende, habe Spaß ohne Ende. Und reiße die Fäuste hoch.

Eskalation bewegt Dinge, schiebt sie weiter, eine Stufe höher, mehrere Stufen. Eskalation funktioniert besser in der Menge, ist ansteckend, breitet sich aus wie eine Krankheit. Eskalation sollte unser Motto werden, positive Eskalation. Und nein, ich meine nicht nur Euphorie, Eskalation geht tiefer, ist beständiger, verfliegt nicht gleich. Was ist dir wichtig? Welche Werte, Einstellungen? Wofür willst du kämpfen? Gleichheit, Respekt, Freiheit, Ehrlichkeit, Transparenz, Gemeinschaft, Toleranz. Für wen willst du kämpfen? Nicht nur für dich. Für ihn, für sie und für uns. Für eine bessere Welt natürlich. Und jeder von uns ist dafür wertvoll, jeder hat Ideen, Vorschläge, Talente. Die kann man zusammentragen und addieren und eskalieren lassen. Die kann man verbreiten, Funken, kleine Funken überall und dann fängt alles Feuer. So viel Hitze, die was bewirken kann.

Lasst uns zusammen eskalieren. Für ein gemeinsames Ziel, für eine bessere Welt, für Freiheit. Lasst uns positiv eskalieren für die Freiheit, die uns so wichtig ist und die viele noch nicht haben, für die Sicherheit, dank der wir springen können ohne tief zu fallen. Eine Sicherheit, die viele Menschen so nicht kennen. Die nur Eskalation kennen, negativ gemeint.



Und wir hören dieses Lied, reißen die Fäuste hoch, keiner unserer Träume bleibt eine Utopie. Denn alles scheint greifbar. 

Eure Jül

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Klartext

Folgenden Text habe ich schon vor - so kommt es mir vor - langer Zeit geschrieben. Er ist nicht mehr aktuell. Ich habe meine Zeit gebraucht, um Klartext zu reden, vor allem mit mir selbst. Das ist noch aktuell, das ist wichtig.
Außerdem wichtig: Meine Texte sind immer vom Leben inspiriert, mal von dem der anderen, oft von meinem. Mal realitätsgetreu, mal fiktiv, mal Träumerei. Manchmal Hirngespinst, manchmal Wahrheit. Sucht euch raus, was euch gefällt ;)


Samt und weich, samtweich. Rau zugleich, Härchen, die piksen. Bartstoppeln, die kitzeln. Haut auf Haut. So nah bist du, aber so weit weg. Kein Zentimeter trennt uns und doch so viel. Welten liegen dazwischen. Raum zwischen uns, zwischen dir und mir. Türen, die verschlossen werden. Du verschließt sie. Ich weiche zurück, ich verschließe mich. Tresor, Abstand halten, Sicherheitsabstand. Habe Angst verletzt zu werden, Angst vor der Wahrheit. Angst davor, den Raum zu füllen, ihn zu füllen mit den Worten, die gesprochen werden müssen.

Worte, die in meinen Gedanken so präsent sind, die wichtig sind, für dich, für mich, für uns. Worte, die wahr sind, die die Wahrheit beschreiben, die bittere Wahrheit. Wir wissen es beide, doch keiner spricht es aus. Meine Gedanken werden immer klarer, immer drängender und fordernder, wollen ausgesprochen und gehört werden. Aber ich will vergessen, will nur fühlen. Will den Raum durchschreiten, die Distanz verkleinern. Ohne Abstand, Haut auf Haut. Ohne Luft dazwischen, keine Luft zum Atmen, mir den Atem rauben lassen. Vergessen, hier und jetzt. Den Moment genießen, die Distanz ignorieren, Schranken überschreiten und Dummheiten begehen. Mir doch egal. Mir doch egal, wenn ich im Kreis renne, mich um mich selbst drehe, Gedankenkreisen.

Aber es geht nicht, ich muss raus aus diesem Hamsterrad. Ich weiß, was ich tun muss. Aber ich weiß auch, dass es dann kein Zurück mehr gibt, keinen Platz für Träume, kein uns. Worte, die verändern, sollte ich sie aussprechen. Als hätte ich Angst, dass deren Klang diese Ruhe zerbricht, Stille zerschneidet, Scherben hinterlässt und Narben. Als hätte ich Angst, dass deren Bedeutung zu viel bedeutet, zu viel zerstört, was von Bedeutung war. Worte, die mir auf der Zunge liegen, mir aber nicht über die Lippen kommen.

Lippen, deine Lippen, ich will sie berühren, will, dass du mich küsst. Will, dass die Spuren, die deine Lippen auf meinen hinterlassen, sich nie verflüchtigen. Will sie festhalten, will dich festhalten. Ich will den Sommer einfangen, die Luft um uns, erhitzt, Glühwürmchen. Ich muss Klartext sprechen, Klarheit schaffen. Sonst komm‘ ich hier nie wieder raus, nicht ohne alles kaputtzumachen. Vielleicht ist noch ‘was zu retten, vielleicht fangen meine Worte den Aufprall ab, Polster, Airbag. Vielleicht muss ich den Abstand vergrößern, um dir näher zu sein. Vielleicht steht das in den Sternen, wer weiß es schon. Sternschnuppen und ich hät‘ mir etwas anderes wünschen sollen. Hätte mich nicht so hingeben sollen, hätte die Notbremse ziehen sollen. Vollbremsung, Aufprall.

Aber ich bereue nichts, sage ich mir, sage ich dir. Und ich sage dir alles, was ich schon lange hätte sagen sollen. Ich bin stark, ich tu‘ zumindest so und spreche Klartext. Lege alles offen, alles auf Eis. Bin jetzt durchschaubar, transparent. Alles ist jetzt Glas und ich stehe hier und hoffe, dass es nicht zerbricht.

Die Umrisse der Hochhäuser vor meinen Augen werden schärfer, klarer, die Erinnerung verschwommener. Ich lehne mich an den Fensterrahmen, und spüre die Kühle der Fensterscheibe auf meiner Stirn als ich nach unten blicke und dem Gewusel an Menschen zusehe. Ja, ich hab‘ mal wieder ‘was gelernt, für’s Leben natürlich. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, Wörter und Sätze für mich zu behalten, die Klarheit schaffen können, die Klarheit schaffen müssen. Dass es nichts bringt, mich in meiner Traumwelt zu verlieren, auf einem Weg, der eine Sackgasse ist. Dass ich der Wahrheit in’s Gesicht sehen muss, auch wenn der Anblick vielleicht echt nicht schön ist. Und ja, ich merk’s mir für das nächste Mal, manche Situationen klären sich nicht von selbst, Streit schlichtet sich auch nicht allein, Dinge, die totgeschwiegen werden, bleiben lebendig. Und da braucht es ab und an etwas Mut, etwas Überwindung, um diese Dinge an’s Tageslicht zu bringen, beim Namen zu nennen.


Und danach? Danach versöhnen sich vielleicht zwei Menschen, merken vielleicht, dass alles nur ein Missverständnis war, falsche Interpretation. Danach gehen vielleicht zwei Menschen auseinander, im Guten, weil die Sachlage anders ist, weil sich vieles verändert hat. Danach ist man vielleicht mehr bei sich, mit sich selbst im Reinen, kann neu anfangen. Auf Weiß und ohne Zweifel. Vielleicht gibt danach einfach nur die Klarheit Sicherheit, zu wissen, was ist und was nicht. Zu wissen, dass man sich vielleicht doch nicht alles eingebildet hat oder doch zu viel. Erkennt sich selbst und kann sich hinterfragen, kann sein Verhalten und das der anderen deuten. Wenn man Klartext redet, Klarheit schafft. 

Jule

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Lebe lieber intensiv

Dröhnende Musik in meinen Ohren, wummernde Bässe, so laut, so heiß. Die Luft bebt vor Hitze, vor Klängen, vor Leben und ich atme, bin außer Atem. Muss mich bewegen, muss tanzen. Immer schneller, ich schließe die Augen, sehe nichts mehr, lass‘ mich nur mitreißen von dieser aufgeladenen Stimmung, bin nicht mehr hier und doch ganz bei mir. Ich merke, wie mir heiß wird, zu heiß, bin in einem Wahn, Fieberwahn. Ich lache und reiße andere Menschen mit, lass‘ mich berühren, ich lass‘ mich gehen. Und es fühlt sich gut an, verdammt gut, so verdammt frei.

Ich denke nicht, ich lebe. Ich plane nicht, ich mache. Nein, nicht immer, aber in diesem Moment und in einem anderen und überhaupt viel öfter. Ich feiere diese Reise, diese Nacht, ihn und mich, diesen Moment, dieses Lied, das alles und noch viel mehr. Ich will noch mehr. Ich bin noch nicht satt, noch lange nicht, ich muss so vieles nachholen, so vieles noch erleben, so vieles, was ich auf einmal alles haben kann. Absolute Freiheit. Unabhängigkeit. Das schmeckt noch viel süßer als Zucker, macht noch süchtiger, nach mehr, nach noch mehr Freiheit. Diese Menschen, Komplimente, Berührungen, diese Musik, so viel, was mir zu Kopf steigt, mich benebelt. So viel, was mich leicht fühlen und leichtsinnig werden lässt.

Ich denke nicht, ich will mehr von diesem Glücksgefühl, das so süß schmeckt und mich fast abheben lässt vor Leichtigkeit, totale Euphorie. Ich denke nicht, ich lebe, lebe intensiv. So intensiv, dass ich vielleicht Dummheiten begehe, Risiko eingehe, mich aus dem Fenster lehne, mit dem Feuer spiele, mit ihm tanze. Das habe ich viel zu lange nicht mehr gemacht, viel zu vernünftig war ich. Und jetzt? Springe ich so waghalsig, dass ich von meinem eigenen Mut – oder Leichtsinn – überrascht bin. So überrascht, dass ich noch verrücktere Ideen habe. Was, wenn ich stolpere, falle, mich verbrenne? Dann hab‘ ich ‘ne Geschichte, hab‘ was zu erzählen und hab‘ gelebt, intensiv.

Lächeln, funkelnde Augen. Lippen auf Haut. Kribbelnde Nähe. Lachende Gesichter. Meine Hand in deiner. Worte und Melodien, Klänge und Gesang, viel zu viel Schnaps, Nähe, noch mehr, noch mehr Nähe. Und ich bin immer noch frei, ich kann machen, was ich will. Und ich will so viel, am besten alles jetzt und alles auf einmal, ich will die totale Reizüberflutung. Sehen, Riechen, Hören, Schmecken. Fühlen, ich will das alles fühlen, spüren, will mich endlich spüren und dieses Leben, das so schmerzhaft und so schmerzhaft schön sein kann. Und ich hab‘ keine Angst, ich freu‘ mich drauf.


Nein, ich bin nicht verrückt geworden, bin immer noch vernünftig. Ich denke an morgen und an nächste Woche und an nächstes Jahr, schreibe To-Do-Listen und kritzele 3-Jahres-Pläne auf Kassenzettel. Aber ich habe keine Angst vor dem Morgen, ich weiß, dass ich nicht alles beeinflussen kann, dass vieles einfach kommen wird und dass vieles einfach gut sein wird. Und ich weiß, dass Zeit schnell vergeht, zu schnell, dass ich schon zu viel Zeit verschwendet und verloren habe und das will ich nachholen. Ich will meine Zeit füllen mit Momenten, die so intensiv sind, dass ich mich jederzeit so daran erinnern kann, dass sie wieder greifbar werden. Ich will meinen Kopf ein bisschen ausschalten, kenne das Risiko und die Folgen, ignoriere bewusst und lebe. Lebe bewusster. Ich lebe lieber intensiv. 


Eure Jül

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Bunte Kiste: September 2015

Rastlos, Unterwegs. Heimweh und Fernweh. Reisefieber. Wiedersehen. Neues sehen. Anders sehen.


Gefreut über: Wiedersehen, Zeit mit alten Freunden, Experimente in der Küche, Flohmarktfunde, erste Slacklineversuche, Komplimente, meine geile Berlin-Liste, ganz viel Cider, dreckige Witze, meine neu entdeckte Spontaneität, Busch-Tee, Hafenatmosphäre in Hamburg, den Fotoautomat, diese heruntergekommenen und wunderschönen Hausfassaden in Budapest, Donaubrücken, Sonne satt, Turó Rudi, „Willst du“ in Ungarn und Partynächte

Geärgert über: einen ziemlichen Fehltritt. Und natürlich über meine verlorene Stimme, meine strähnigen Haare und meinen kaputten Handyakku. Und Alu in der Mikrowelle :D

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Ich war also auf dem Rückweg, saß auf meinem Fahrrad und strampelte, was das Zeug hielt, aber kam nicht vorwärts. So viel Gegenwind. Und diese ganze Situation war so absurd, so ironisch, so real, dass ich lachen musste. Bis mein Mund voller Wind und ich außer Puste war. Vorwärts gekommen bin ich trotzdem, langsam und mit viel Anstrengung. Ich nehm‘ das jetzt mal symbolisch, darf nicht aufhören in die Pedale zu treten.“

„Ich hasse solche Übergangszeiten, wenn ich verzweifelt nach meinem Platz suche, ihn aber nicht finde, wenn alles schwammig ist und ich nicht weiß, wo ich eigentlich hingehöre. Dabei gibt es diesen einen Platz nicht, nicht für mich. Bin überall ein bisschen Zuhause.“

„(…) Dinge einkasteln, in Schubladen stecken. Meine Gefühle auch. Ich glaube, das geht jetzt, irgendwas ist anders.“

„Einen Plan zu haben ist gut. Sich treiben lassen ohne zu wissen, wo man ankommen wird, manchmal fast noch besser.“

„Und trotzdem bin ich die Chefin mit der Liste. :)“

„Ich kann’s nicht immer allen recht machen. Kann’s ja nicht mal mir selbst recht machen.“

„Von wegen ich bin anstrengend. Andere können mindestens genauso anstrengend sein. Kein Grund mich schlecht zu fühlen also ;)“

„Immer dann, wenn ich anfange zu tanzen, mit dem Wind zu tanzen, kommt eine Böe und trifft mich. Genau dann, wenn ich gerade auf einem Bein stehe, mutig werde, springe. Es ist zu leicht leichtsinnig zu werden, vor allem, wenn alles so leicht scheint.“

„Los geeeeht’s! Ich hab‘ keine Ahnung, was mich auf dieser Reise erwartet, aber genau das find‘ ich super. Überraschungseffekt. :)“

„Müde, aber glücklich. Ihn wiedergesehen, sie auch, endlich. Nach so langer Zeit. So viele Erinnerungen, Bilder, Farben. Buntes Fotoalbum. Jetzt kommt neues Material dazu, ich freu‘ mich drauf!“

„Krass, sie glaubt so stark, ist so sicher. Und ich bin so auf der Suche. Ich finde zwar auch, suche aber immer weiter.“

„Wahnsinn, was Zeit verändert, was andere Menschen verändern, was eine Nacht verändern kann. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal an diesen Punkt komme, aber meine Wahrnehmung ist jetzt eine andere, meine Gefühle sind anders. Bin auch ich jetzt anders?“

„Yeees, hab‘ eine weitere Schnur durchtrennt, eine wichtige. Bin keine Marionette mehr.“



Und der Oktober?


Ich freue mich auf: meine Geburtstagsfeierei, die letzten Stunden mit Schwesterherz, ein neues Kapitel, ein Konzert, einen geregelten Tagesablauf und Regensburg, endlich wieder! :)

Jule