Freitag, 30. September 2016

Auf der Suche, immer noch. Immer noch nicht angekommen?

Er erzählt, schon eine ganze Weile. Ich höre zu, spiele gedankenverloren mir der Serviette auf dem Tisch vor mir und spüre fast nicht, wie mir Tränen in die Augen steigen. Woher dieser Druck? Er erzählt doch nur. Von seinem Leben, seinen Träumen, seinen Zielen. Was er erreichen, verändern will. Was er will. Und du, was willst du werden, wo willst du hin?

Ich weiß es nicht. Weiß nicht, was ich hier mache, was ich will und was ich bin. Wer ich bin. Bin auf der Suche. Wonach?

Er erzählt von seinen Plänen, lacht dabei, malt sie vor mir in die Luft zwischen uns, bunt und abstrakt. Und doch so real, so greifbar. Seine Augen leuchten, wenn er davon redet. Wenn er davon redet, wo er hinwill. Sein nächstes Projekt. Und dann das. Und das dann am besten so. Und er hat es verdient, mehr als jeder andere. Er hat dafür gekämpft.

Ich wohl auch, habe gekämpft, lange genug. Aber nicht für das, was ich will. Vielmehr für das, was mich daran gehindert hat, erkennen zu können, was ich will. Oder so. Ist das verständlich, ist das denn möglich?

Er schweigt. Sieht mir in die Augen. Schön sind sie, schokoladenbraun, aufmerksam, fragend. Wenn ich nur auch so lange, dunkle, fein geschwungene Wimpern hätte. Wieso blinzelt er nicht? Unruhig rutsche ich auf der unbequemen Holzbank hin und her, ziehe an meinem Rock herum, der ein wenig zu kurz ist für dieses Land. Ich starre angestrengt auf den frisch gepressten Saft am Nebentisch und versuche, der hellgelben Farbe einen Namen zu geben. Gesprenkeltesananasgelbimmorgenlicht. Jule, was willst du, was willst du tun, erreichen, sein?

Ich weiß es nicht, verdammt. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keinen Plan. Planlos, orientierungslos. Lasse mich treiben und es ist wunderbar. Im Moment, in diesem Moment. Da schwimme ich einfach mit dem Strom und nehme alles mit. Treibgut, ohne Ballast. Aber auch ohne Ziel. Ich habe ein Steuer und kann es nicht benutzen. Habe Hände und kann nichts greifen. Habe Ideen und kann sie nicht fassen. Wohin damit, wohin mit mir?

Wir sind auf der Suche. Nach Abenteuern. Nach neuen Herausforderungen, Begegnungen, nach coolen Partybekanntschaften. Nach tiefen Freundschaften und nach leidenschaftlichen Nächten. Wir sind auf der Suche nach mehr. Nach mehr Spontaneität, Verrücktheit, Aufregung. Nach mehr Loslassen. Auf der Suche nach Wissen, nach Erfolg, nach Erfüllung. Auf der Suche nach uns selbst. Wir verlieren uns selbst auf der Suche nach uns selbst, sind ohne Kompass, orientierungslos. Planlos verplant. Wir verlieren unsere Werte auf der Suche nach Ekstase, geben uns hin, vergessen uns selbst. Und alle anderen. Egoist. Wir verlieren unsere Träume im Triebsand dieser Konsum-, in dieser Konkurrenzgesellschaft. Schneller, höher, weiter. Besser. Mehr.

Ich will mehr. Ich will mich nicht nur treiben lassen, nicht nur mit dem Strom schwimmen. Dagegen. Kämpfen. Für mich, für andere. Für Veränderung. Ich will, dass das, was ich mache, einen Sinn hat, dass meine Existenz einen Sinn hat. Ich will gegen die Strömung schwimmen und gegen den Strom, will gegen Wände laufen und daran hoch. Will fliegen lernen und andere beflügeln. Freiheitskampf.


Ich weiß, was ich will, jetzt brauche ich nur noch einen Plan. Ich geh‘ mal suchen. 

 Jule

Sonntag, 28. August 2016

#juleimlanddertausendhügel – Erste Eindrücke

Sonnenlicht kitzelt meine Nase, unterbricht meine bunten, wirren Träume mit hellen Pünktchen und lässt mich wach werden. 6:03 Uhr. Sonnenaufgang. Zu früh, viel zu früh. Verschlafen ziehe ich mir meine geliebte, so gar nicht peinliche Schlafmaske über die Augen und falle nochmal in einen leichten Schlaf. Fast schlafe ich zu lange, verheddere mich im Moskitonetz und springe unter die – eiskalte - Dusche. Immerhin bin ich jetzt wach. :)


Vom roten Sand verfärbte Schnürsenkel.

Socken, die nie wieder weiß werden.

Wind, der mir beim Moto fahren beinahe den schlecht sitzenden Helm vom Kopf reißt.

Staub, in den Haaren, im Gesicht, überall.

Sonne, in deinem Lächeln, deinen Augen, überall.


Dunkelheit, die sich wie ein Vorhang über – meist sogar geteerten – Straßen dieser Stadt legt. 18 Uhr. Als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen werde, dass die Dämmerung einfach übersprungen wird. Ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen werde, nachts durch die Straßen laufen zu können ohne Angst zu haben. Ich bin hier sicher, aber Sicherheit hat auch hier ihren Preis.


Avocados, die ohne Salz und Pfeffer schmecken. Bananen, die so süß sind, dass sie problemlos als Süßigkeiten durchgehen.

Lichtermeer. Wir gehen lachend aus dieser winzigen Bar, in der wir uns gerade mit den besten Kochbananen die Bäuche vollgeschlagen haben. Stockfinster ist es und unter uns liegt die Stadt, die aus unzähligen Sternen zu bestehen scheint. Wir versuchen, diesen seltsamen Zischlaut nachzuahmen, aber die Motos kommen auch so, zu auffällig sind unsere weißen Gesichter, zu verlockend die Aussicht, das Doppelte für eine Fahrt verlangen zu können. Kurzer Wortwechsel auf Kinyarwanda, Englisch und Französisch und ich schwinge mich auf das Moto, das den Berg hinunter mit mir ins Lichtermeer rast.


Komisch, dass ich gar keine Angst habe, mich nicht unsicher fühle, keine Zweifel habe. Das ist definitiv neu. Und fühlt sich definitiv gut an.

Ein bisschen Optimismus, Leichtsinn und Naivität hat noch niemandem geschadet.

Samosas und Chapati, so heiß, dass ich mir Finger und Mund verbrenne. Aber viel zu lecker, um zu warten.

Frauen, die die Straße kehren, unermüdlich. Es legt sich immer neuer Staub auf den Teer. Erinnert mich an Momo.


Ich habe noch nie so große Augen gesehen, denke ich mir, als ich gebannt an seinen Lippen hänge. Erzählen kann er. Überleben auch.

Ich merk‘ schon, ich werde hier schon wieder leichtsinnig. Aber es macht unglaublich viel Spaß. Und bei diesen tollen Menschen hier hab ich eh keine andere Wahl als komplett verrückt zu sein. :)


Dieser Satz, den ich jeden Tag mindestens fünf Mal höre. Ja, ich habe ein tolles Leben. Das ist mir bewusst, dafür bin ich dankbar, darum habe ich gekämpft.

Schwer zu durchschauen, was hier echt ist.


Blicke, fragend, beobachtend, stechend, belustigt, fordernd, fragend, neugierig. Und das nur, weil ich weiß bin.

Komplimente, ehrlich, verlogen, mit Absicht, ohne Hintergedanken, nett und kitschig, schön und lustig, lächerlich, schmeichelnd. Und das nur, weil ich weiß bin. Wer ist eine Ausnahme, ist er eine Ausnahme?


Als wäre ich ein Alien, ein Star, jemand, der nicht hierher gehört, jemand, der anders aussieht, anders behandelt werden muss, weil er anders ist?

Dieser ekelhaft hautfarbene Gecko, der auf einmal am Fenster sitzt und mir bei der Arbeit über die Schulter schaut. Diese ekelhaft schnelle Kakerlake, die sich zwischen Tee und Reis versteckt und einfach nicht zu fangen ist. Dieser unglaublich bunte Schmetterling, der Loopings über meinem Kopf dreht, während ich mit jedem Höhenmeter mehr aus der Puste gerate.

Wem kann ich hier trauen? Zumindest schon mal dem Leben, bedingungslos. Aber Menschen, diesen Menschen?



Es fühlt sich normal an, mit ihm hier zu sitzen und über Gott und die Welt zu reden, als würde ich schon seit langer Zeit hier leben, ihn seit langer Zeit schon kennen. Dabei müsste alles neu sein, schließlich hat sich so viel verändert. Vielleicht bin ich mittlerweile wirklich anpassungsfähiger, toleranter, noch lange nicht genug. 


Jule

Montag, 1. August 2016

Bunte Kiste: die vorerst letzte

Nostalgie. Zu viel, was war. Emotionen. Zu viel, was ist. Vorfreude. So viel, was noch kommt. Und ich bekomme nicht genug.


Gefreut über:
Die kleinen Dinge.

Geärgert über: Streit, Stress und Skrupel. Boshaftigkeit und Geldgier. Scheuklappen und festgefahrene Meinungen. Engstirnigkeit. Was wäre wenn.

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Wieso muss ich mich rechtfertigen? Für das, was ich tue und für das, was ich lasse? Für das, was ich denke und für das, was ich sage? Für das, wofür ich kämpfe, schweige, träume, bin? Das liegt doch nicht an mir, sondern an unserer verdrehten Gesellschaft."

„Ich will, dass er bereut.“

„Wohin mit all den Emotionen???“

„Fuck, zu viel Nostalgie. Die Farben vergilben sich ja schon vor meinen Augen, werden zu abgegriffenen Fotografien.“

„Ha. Ich habe einfach nie gelernt, vernünftig mit Stress umzugehen. Deswegen schwimme ich wohl gerade so. Aber untergehen werde ich nicht!“

„Vielleicht bin ich gar nicht so besonders.“

„Selbstzweifel, was ist das?“

„In Momenten wie diesen verabscheue ich meine Naivität. Reinfall, schon wieder. Und es ist ärgerlich, tut weh, schon wieder. Und wieder, immer noch bin ich naiv. Und wieder, immer noch kann ich mich freuen, begeistern, grenzenlos und pur. Echt. Und das nur, weil ich naiv bin.“

„Das ist wohl das Problem bei Hilfsbereitschaft: Dem Helfenden gibt sie Macht und bringt ihn in eine übergeordnete Position, dem Hilfsbedürftigen verpflichtet sie zu Dankbarkeit und mehr. So entsteht Abhängigkeit. Etwas, das auch mir eigentlich widerstrebt. Aber wie soll man auch ahnen können, dass  freiwillig angebotene Unterstützung zum Verhängnis und zum Vorwurf für die eigene Untätigkeit wird? Das sind doch falsch verknüpfte Bedingungen.“

„Andererseits kann Hilfe nie bedingungslos sein. Oder?“

„Und wieder: Ich bin außen vor.“

„Was soll der Geiz? Wir haben alle genug Gefühle. Vielleicht jedoch zu viel und einfach genug davon?“

„Dieser Sommer sollte anders werden. Sommer meines Lebens, lebe deinen Sommer, dein Leben, ja genau. Wie soll ich jemals alles nachholen? So intensiv kann ich doch gar nicht leben, um all‘ die verlorene Zeit aufzuholen. Oder?“

„Dann mache ich wohl wirklich alles allein. Rechtmachen kann ich es so oder so niemandem. Jule mit Bizeps, Ellenbogen und erhobener Faust. Sieht gar nicht mal so schlecht aus. :)“

„Oh, der süße Duft der Freiheit, viel zu verlockend ist er. Und aufdringlich. Aber gar nicht mehr so weit weg…“

Und der August?

Ich freue mich auf:

Meinen Abflug und das nächste Kapitel. Die nächsten Kapitel. Alles, was kommt. 


Jule

Sonntag, 24. Juli 2016

Alles, was ich brauche & alles, was ich hab'

Jetzt weiß ich, was mir fehlt, permanent. Bestätigung. Anerkennung. Bewunderung. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht um Komplimente werben, darum, ein nettes Wort zu erbetteln, das brauche ich nicht. Will ich auch nicht. Dein Mitleid will ich erst recht nicht. Aber ich möchte, dass das, was ich tue und denke und bin, Anerkennung findet, in gewisser Weise. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht jedem gefallen und es nicht jedem recht machen. Das erst recht nicht. Ich will ich sein und anecken und randalieren und abstoßen. Will, dass über mich gelästert und hergezogen wird. Dass über mich geredet wird. Ich will Spuren hinterlassen.

Ich wollte dir gefallen, von Anfang an. Am Anfang? War das unbeabsichtigt. Ich habe dir gefallen und ich habe nicht verstanden, wieso. Wieso du fasziniert warst von mir. Wieso ich anders sein sollte als all‘ die anderen. Was kann ich denn? Na, eine ganze Menge. Ich kann schreiben, glaube ich, denke ich, ich kann denken, größer als andere, bunter. Ich kann albern sein, verrückt und kindisch, lachen, bis mir die Tränen kommen. Ich kann kreativ sein, malen, zeichnen, ich kann die Brücke und den Kopfstand und 15 Liegestütze und literweise Kaffee trinken. Ich kann reden, wenn ich will, wenn ich will, kann ich das sogar ziemlich gut, kann dich mit Argumenten niederstrecken und mit Redeschwallen lahmlegen. Ich kann gut auswendig lernen, kann mich leicht begeistern, kann andere damit begeistern und mitreißen und motivieren. Wenn ich will. Oder vielmehr: Wenn es passt. Und mit dir? Passt es nicht.

Jetzt weiß ich, was jedem manchmal fehlt. Bestätigung. Anerkennung. Bewunderung. Versteht mich nicht falsch, man braucht das nicht, nicht permanent. Man kann sich auch selbst gut loben, hab‘ ich grade schon gemacht. Aber ab und an tut es gut, zu merken, dass das, was man tut und denkt und ist, Anerkennung findet. Und dass das, was fehlt, was aneckt, was nervt, stehen bleiben kann, sein kann, wie es nun mal ist, wie du eben bist. Gesamtpaket. Ab und an tut es gut, bewundert zu werden. Ich sehe es doch, an deinem Blick, stolz und unsicher zugleich. Auf Rückmeldung wartend, auf positive natürlich. Was sagst du dazu? Findest du das gut? Findest du mich gut?

Du hast mir gefallen, von Anfang an. Am Anfang? War das so leicht. Du hast mir gefallen, ich war fasziniert und wusste nicht einmal wieso. Ich wusste nur, dass du anders bist als all‘ die anderen. Ruhiger, kritischer, aufmerksamer. Aber sonst, was kannst du denn? Vieles, was ich nicht kann, vieles, was mir zeigt, was ich nicht bin und niemals war und niemals sein werde. Du zeigst mir meine Grenzen auf. Durch alles, was du sagst und tust und bist, wird mit meine eigene Unzulänglichkeit und mein eigenes Unwissen bewusst. Das tut nicht gut, das tut weh, das macht neidisch. Und dennoch: Es ist wichtig, mit sich selbst konfrontiert zu werden. Spiegelbild, ungeschönt. Um sich nicht in seinen Illusionen von sich und seiner Sicht auf die Welt zu verheddern, Seilgewirr und Stolperfalle. Um sich nicht blenden zu lassen.

Jetzt weiß ich, was uns allen manchmal fehlt, dir und mir im Besonderen. Augenhöhe. Akzeptanz. Toleranz. Versteht mich nicht falsch, ein Lob tut gut, ein nettes Wort, ein Kompliment. Es tut gut, etwas zu erreichen, seine Lorbeeren und sein Lob ernten, sich in der Sonne des Erfolgs zu sonnen und stolz zu sein. Aber passt auf, damit erhebt man sich nur über andere. Kann zum Vorbild werden, zum unerreichbaren Übervorbild, kann abheben, immer höher. Arroganz, Dominanz, Intoleranz. Pass auf, dass du dich bloß nicht mehr auf mein Niveau herablässt. Du da unten, was willst du denn. Was kannst du denn. Pass auf, dass du nicht fällst.

Wir alle wollen uns gefallen, ich mir und du dir, ich dir und du mir, ich euch und ihr ihnen. Wir sind auf der Suche nach uns selbst und verlieren uns dabei. Wir sind auf der Suche nach Bewunderung und verlieren sie in unserer eigenen Selbstverliebtheit. Wir sind auf der Suche nach Halt und verlieren ihn in der permanenten Selbstlüge von unserer zur Schau gestellten Identität. Dabei müssen wir nicht gefallen und nicht suchen und nichts konstruieren, denn wir haben ein Fundament. Charakterstark und echt und nicht kopierbar. Wir haben alles, was wir brauchen. Wir haben Stärken und Schwächen und die Fähigkeit, beides zu benutzen, das ist unser Werkzeug. Wir sind eine unfertige Baustelle, die ihren ganz eigenen Charakter hat. Ecken und Kanten. Die nicht fertig ist, noch lange nicht. Wir bauen weiter.

Jetzt weiß ich, dass dir eigentlich nichts fehlt. Denn alles, was du brauchst, hast du eigentlich auch schon. Sei stolz. Auf dein Können und deinen Erfolg und deine Talente. Sei stolz. Du bist einzigartig und toll und wunderbar. Aber die anderen sind es auch. Wir sind einzigartig. Wir alle und jeder für sich. Und niemand sollte zu stolz sein, um das anerkennen zu können. Niemand sollte nicht stolz genug sein, um es für sich anerkennen zu können.


Dir fehlt es an nichts. Mir fehlt es an nichts. Und dennoch: Uns fehlt es an Liebe und Anerkennung, für uns selbst und für andere. 


Jule

Freitag, 1. Juli 2016

Bunte Kiste: die vorerst vorletzte

Auf und ab, Hoch und Tief, Heiß und Kalt, Feuer und Wasser. Gut und Schlecht. Zwischentöne?


Gefreut über: Jamaram in der Frow, meine noch vorhandenen Sprachkenntnisse, nächtliches Holzhacken und Grillen, den coolsten Flammenwerfer, Reggaeneration, Lebefrauen, Erinnerungen, Genausowiefrüher-Momente, alte Gesichter, Lagerfeuer, Glühwürmchen und einen Eiswürfel

Geärgert über: unnötigen Cocktailüberschuss, Krisen, Stress und Schlaflosigkeit

Auszüge aus meinem Tagebuch:

"Es liegt an mir, an meiner Sicht, wie ich die Dinge bewerte und einordne. Schlussendlich ist alles subjektiv, alles veränderlich, wenn ich die Perspektive wechsle."

"Und jeder läuft doch in seinem eigenen Hamsterrad. Jeder dreht sich um sich selbst. Kreisel, immer schneller. Passt auf, dass ihr nicht stolpert. Ich bin dabei, wieder aufzustehen. Passt auf, dass ihr beim Vergessen euer Selbst die anderen nicht vergesst. Ich passe auf, auf mich. Und was macht ihr?"

"Wie schnell vergisst man im Alltagsstress das, was wirklich zählt. Wie schön ist es, hier zu sein, mich nicht erklären zu müssen. Verstanden zu werden von ihr, ohne Worte. Oder mit vielen Worten, ganz egal. Gedanken, die ich teilen kann, die zu teilen mir gefehlt hat. Hab eh zu viele :)"

"Krass, so kann man sich täuschen. Dann  ist das also auch ein Vollidiot ohne jeglichen Anstand. Gut, dass ich mich nicht noch mehr geöffnet habe. Macht einen eh nur verletzlich."

"Was genau vermisse ich gerade? Einen Ort, an dem ich mich nicht beweisen muss. Wen genau vermisse ich gerade? Einen Menschen, bei dem ich mich nicht beweisen muss. Den ich nicht beeindrucken muss. Automatisch Augenhöhe und nicht diese seltsame Asymmetrie, die schon wieder alles komisch werden lässt."

"Vergleich ist zum Verzweifeln. Meine Ansprüche auch."

"Als hätte ich keine Ahnung. Ok, mag sein. Als hättest du so viel mehr Ahnung."

"(…) Aber genug? Was wäre genug? Genug um das aufrechtzuerhalten, genug um darauf aufzubauen? Das Fundament erscheint mir irgendwie doch bröckelig."

"Das war wohl der Satz des Abends: Die anderen kochen auch nur mit Wasser."


Und der Juli?

Ich freue mich auf: letzte Seiten und vorerst letzte Male

Jule

Montag, 20. Juni 2016

Ich will weg hier! Oder: Eine Ode an das Fernweh

Ich kann nicht mehr sitzen, nicht mehr lesen, nicht mehr denken. Sitze in diesem Lesesaal, das harte Holz des unbequemen Stuhls drückt gegen meinen Rücken. Die Buchstaben, kreuz und queer farbig bunt markiert, verschwimmen vor meinen Augen und beginnen zu flimmern, wie Diskolichter, die selbst Lust auf Party haben. Und mein Kopf ist voll, dröhnt, hämmernde Gedanken, die wie eine zähe, bleierne Masse zum Stillstand gekommen sind. Also würde ich ununterbrochen gegen den Betonpfeiler vor mir rennen, der mir gnädigerweise die Sicht aufs Fenster und damit auf die draußen scheinende Sonne versperrt. Habe mich eingesperrt, so aber nicht meine Gedanken. Die lassen sich nicht einsperren, müsste ich doch wissen.

Ich denke mich weg, in seine Arme, oder nein, lieber nicht. Ich denke mich weg, an einen Ort, der mir so vertraut ist wie der Geruch meines Lieblingskaffees, ein Ort, an dem die frische, klare Luft mir nicht nur die Haare ins Gesicht pustet, sondern auch träge Gedanken vertreibt. Ein Ort, an dem man das Salz in der Luft schmecken kann, Kindheitserinnerungen an jeder Ecke findet und die Freiheit auf der Zunge trägt. Diese kleine Nordseeinsel. Ich sehe mich gerade da, neben dem Elefanten-Klettergerüst, wie ich im Sand sitze, barfuß, Schuhe brauche ich nicht, das Telefon im Sand vergraben, muss hier ja nichts haben…schaue aufs Meer und sehe den Wellen zu, wie sie an meinen Zehen knabbern, wie die Ebbe die Flut ablöst und die Flut die Ebbe und alles zusammenpasst. Ich will weg hier. Ich will wieder an die Nordsee. Ich muss jetzt leider weiterschreiben, nicht an diesem Roman, nein, zuerst mal an meiner Bachelorarbeit. Ich träume einfach viel zu gern, träume mich weg.


Ich atme tief durch, tanke den abgestandenen Sauerstoff in diesem Raum, setze mich kerzengerade hin und starre angestrengt auf mein bisher eher dürftiges Werk. Na komm schon Jule, konzentrier‘ dich, du bist die einzige, die unproduktiv ist. Denke es und lasse meinen Blick durch den Lesesaal schweifen. Angestrengte Gesichter, gerunzelte Stirnfalten und Köpfe, über Riesenwälzer gebeugt. Komisch, dass noch kein Qualm zu sehen ist. Wieso auch muss ich den Lesesaal Recht als mein Wohnzimmer auserwählen, nur fleißige Juristen hier. Wo die wohl herkommen, was die wohl erlebt haben, wo die wohl hinwollen…ich höre geflüsterte spanische Wortfetzen hinter mir und muss unwillkürlich an das verregnete Sevilla denken, an Fußbäder, an Tapas, an Orangenbäume…qué pena, dass ich jetzt nicht einfach viva la vida kann. Ich runzele ebenfalls die Stirn, schließe entschlossen den Ordner, in dem sich die ganzen, mit Erinnerungen an andere Orte vollgeladenen Bilder befinden und mache mich wieder an die Arbeit. Wie viel Uhr ist denn? 16:34 Uhr…20.Juni…Oh, schon bald Ende Juni…oh, schon bald fliege ich.

Endlich, endlich weg hier! Ungeduldig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her, der nicht bequemer werden will. Ich will, ich will weg hier! Weg von dem Stress, dem täglichen Alltagstrott, den Leuten hier, von denen viele in ihrer Sichtweise so eingeschränkt, in ihrer Meinung so festgefahren sind. Flucht. Flucht nach vorne, Alltagsflucht. Ich habe mich gefragt, ob ich mit meiner Reiselust denn vor etwas weglaufen will. Ob es mir hier nicht gut geht, etwas schief läuft in meinem Leben. Aber nein, es passt alles, alles ist an seinem Ort, nur ich bin nicht an meinem Ort. Denn ich habe keinen, will keinen haben. Es läuft alles, läuft alles gut, läuft in geregelten Bahnen. Und ich will eben ab und an und eigentlich manchmal auch oft daraus ausbrechen. Will Loopings und Hopser und durchgeschüttelt werden. Ich hasse Achterbahn fahren, mag auch keine krassen anderen Fahrgeschäfte, ich mag jedoch Kulturschocks. Ich mag es, irritiert zu sein, weil ich das Verhalten anderer Menschen nicht verstehe. Mag es, neue Traditionen und Sitten zu entdecken, neue Sprachen zu lernen. Ich mag es, eine andere Welt kennenzulernen, unsere Welt, meine Welt anders zu sehen. Und mich dann wieder neu einordnen zu müssen, neu zurechtfinden, in dem, was zuvor vertraut war. Das kann anstrengend sein, ist gleichzeitig unglaublich bereichernd. Horizont erweiternd.


Das ist das Problem mit dem Reisen. Es macht süchtig. Und ich bin gerade auf Entzug und leide. Aber nicht mehr lange, dann bin ich wieder weg! Und bis dahin tun es auch diese kleinen Alltagsträume, in denen ich mal wieder an der Nordsee bin…und wo treibst bzw. träumst du dich rum? :)


Jule

Mittwoch, 1. Juni 2016

Bunte Kiste: Mai 2016

Atemnot und Stillstand. Leerlauf und laufen lernen, laufen lassen. Stop-Taste, Pause, nie wieder Repeat. Diesunddasananas.


Gefreut über: Krankenbesuche, Tulpen und andere Blumen, so viel Hilfsbereitschaft, Düfte, Gerüche und meinen Geschmackssinn, DVD- und Film-Abende, Deluxe-Salat und Pseudo-Steaks, ein interessantes Seminar, mein Thema, gelatinefreie Gummibärchen, illegalen Sport, ein wenig mehr Symmetrie, ganz viel Sonne und Musik und Seifenblasen und Leichtigkeit. Festivalstimmung.

Geärgert über: mein Immunsystem, Busfahrten und Enttäuschung

Auszüge aus meinem Tagebuch:

"Ja, ich weiß auch nicht, was das soll. Ich glaube, es kann gar nicht mehr anders als oberflächlich sein. Alles andere geht nicht mehr, oder? Alles andere war doch so viel wertvoller."

"Wir setzen künstliche Filter, an den unterschiedlichsten Stellen, um uns irgendwie entscheiden zu können. Qual der Wahl, Übermaß an Möglichkeiten. Zu viel, zu schnell, zu gut geht es uns."

"Wie viel Kontrolle tut mir, tut dir, tut uns gut?"

"Da werde ich einfach als Weltverbesserin bezeichnet. Uh, ganz schön viel Verantwortung."

"Ich mag keine halbe Sachen. Entweder ganz oder gar nicht. Aber muss ich wirklich komplett geflasht sein, um mich dafür entscheiden zu können? Muss ich erst etwas, muss ich ihn erst hassen, um mich umdrehen zu können? Muss erst etwas, muss ich ihn erst lieben, um mich darauf einlassen zu können? Es ist nicht alles Schwarz und Weiß. Das Leben ist grau. Und bunt. Und manchmal nur grau, manchmal nur bunt und manchmal alles zusammen. Und dann ist es eben diese komische Mischfarbe, deren Elemente ich nicht mehr ausmachen kann und dann sollte ich diese Versuche alles zu ordnen eben lassen und mich mit dieser Mischfarbe anfreunden. Sieht vielleicht seltsam aus, schmeckt aber eigentlich ganz gut. Schmeckt eigentlich ziemlich geil. Schokolade ist ja auch braun."

"Vermutlich sollte ich aufhören, mir Dinge vorzustellen, auszumalen, mit Buntstiften. In meiner Fantasie leuchten die Farben irgendwie heller, in echt war dieses Wiedersehen doch irgendwie ernüchternd. Blass und verwaschen, vom Regen und allem, was die Realität hässlich macht."

"Vielleicht red‘ ich mir inzwischen nur ein niemanden zu brauchen aus Angst, wieder einmal zu merken, dass niemand zu mir passt oder vielmehr ich zu niemandem passe. Stehe wieder am Rand, beobachte, gehöre nicht dazu. Außenseiterin,  Einzelkämpferin, Gegenstromläuferin. Bin überall dabei und bin es nicht. Gehöre zu ihm, zu ihr, zu ihnen und tue es nicht. Und das ist nicht einmal meine Intention, das passiert automatisch, das war schon immer so. Und frage mich, warum ich mich nie zugehörig fühle, weder einem Ort, noch einer Gruppe, erst recht nicht einem Menschen."

"Gib‘ mir ein bisschen Sonne, ein bisschen Bier und den richtigen Beat, dann werd‘ ich übermütig. :)"

"Vielleicht sollte man manches einfach nicht ausreizen. Vielleicht lieber manches offen stehen lassen, mit Fragezeichen und Platz für Hypothesen."

"Und schon wieder. Die Realität war farbloser als meine Tagträume dazu. Sind das nur meine zu festen, zu hohen Erwartungen?"

"Das ist wohl passiert, weil ich wollte, dass es passiert. Ich weiß, was ich will und wie ich es bekomme, meistens. Das hat sich aber so angefühlt, als würde ich das wilde Leben in eine vorgefertigte, betonierte, gerade Bahn zwängen wollen. Weil ich wollte, dass es genau so verläuft und genau so hat es sich dann nicht mehr passend angefühlt. Wäre es besser gewesen, ich hätte nichts gewollt und nichts versucht und nichts wäre passiert?"

„Jule, du bist so blöd.“ – „Ich weiß. Du bist auch nicht besser.“ Wir schauen uns an und müssen lachen, so lange, bis sich die Dummheiten der letzten Nacht nicht mehr so dumm anfühlen und der verrückte Leichtsinn, der uns beide manchmal packt, alles zu rechtfertigen scheint. Immerhin wird uns so nicht langweilig, immerhin spielen wir so nicht immer in diesem System mit, brechen manchmal aus, sind ein wenig wagemutig und überdreht und übermütig. Sind hoffentlich nicht gänzlich unverbesserlich. ;)


Und der Juni?


Ich freue mich auf: Sommersprossen, Sommerregen, Sommersonnenlaune. Auf ziemlich viele Wiedersehen und Städtetrips, kleiner werdende Bücherberge, Cocktails, Campusfest, legalen Sport und durchtanzte Nächte

Jule