Sonntag, 17. Januar 2016

Karussell des Lebens


Oder: Das Leben ist eine Sinuskurve



Da sitze ich stolz, throne wie eine Prinzessin auf dem Einhorn und klammere mich an die kratzige Mähne. Meine Finger verkrampfen sich fast in den rauen Borsten, ich bin aufgeregt, warte darauf, dass es losgeht. Ein Grinsen kann sich nicht davon abhalten, mein Gesicht zu belagern, ich liebe Karussellfahren, schon seit ich denken kann, vielleicht schon bevor ich laufen konnte. Dieses Einhorn habe ich mir hart erkämpft, groß war die Konkurrenz, aber selbst in meinem Kleidchen und mit meinen Lackschühchen war ich schneller als das doch etwas dickliche Mädchen neben mir. Das sitzt auf einer knallgelben Ente. Zufrieden mit meinem Sprint und meiner Wahl ziehe ich mir den letzten Rest Zuckerwatte aus dem Mundwinkel und wische mir die klebrigen Finger am Spitzensaum meines Kleids ab. Das mag ich eh nicht. Wieso auch muss mich meine Mama immer in solche Dinger stecken? Besagte steht ein paar Meter von mir neben der Kasse inmitten einer kleinen Menschentraube aus stolzen Müttern und winkt mir mit der Kamera zu. Oh nee, keine Fotos. Darüber kann ich mir jetzt aber keine Gedanken mehr machen, das Karussell setzt sich ruckartig in Bewegung und nimmt Fahrt auf. Die bunten Farben um mich herum fangen an sich zu vermischen, ergeben Streifen und Linien und es gibt nur mich auf meinem Einhorn, fast heben wir ab, fast kann ich fliegen.

Höhenflug, leicht und unbeschwert. Das Leben ist aus Zuckerwatte, süß und fluffig. Ich liebe solche Momente. Momente, in denen du vergisst, wer du bist, weil du einfach bist, wer und wie du bist. Ohne dich oder irgendwen oder irgendetwas sonst zu hinterfragen. Meistens checkst du gar nicht, wie genial dieser Moment eigentlich war, weil du da einfach glücklich warst. Der Moment hat dich eingepackt und eingewickelt, in Zuckerwatte natürlich. Hat dich mitgerissen mit all seinen Farben und Gefühlen, rosa, bunt und mit Glitzer natürlich. Keine Zeit nachzudenken. Sowas ist gigantisch. Und passiert manchmal viel zu selten. Aber dann leuchtet diese eine Aufnahme deinen Tag hindurch, manchmal Monate, manchmal kannst du dich dein ganzes Leben an diesen einen Moment erinnern. Vermutlich weil er glitzert.

Das Karussell dreht sich immer schneller, ich gluckse vor Freude und sehe nur noch Regenbögen, ganz, ganz viele, schließe die Augen und sehe mich durch die Lüfte fliegen, unter mir endlose Wälder, saftig grüne Wiesen, sanfte Hügel. Beinahe wird mir schwindelig, also blinzele ich kurz und öffne meine Augen doch wieder, will schon fast meine Arme loslassen, ausstrecken, doch da stoppt mein Einhorn plötzlich. Hä, schon vorbei? Verwirrt blicke ich um mich und sehe, wie andere Kinder aus ihren Fahrzeugen und von ihren Flugtieren steigen und auf ihre Mütter und Väter zulaufen. Tränen steigen mir in die Augen und tropfen auf die weißen Borsten der Einhorn-Mähne. Das ging viel zu schnell vorbei!

Tja, so ist das mit diesen Momenten. Man merkt erst hinterher, dass man in diesem einen Augenblick glücklich war, dass man in diesem einen Augenblick keine Sorgen hatte, sie vergessen hatte, seine Umwelt vergessen hatte. Und wenn man sich dessen bewusst wird, ist man wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Alltag. Weitermachen. Lernen. Termine. Verpflichtungen. Das Rad dreht sich weiter, zu schnell manchmal für uns, wir laufen mit. Hamsterrad. Laufen mit und stolpern manchmal, laufen schneller, immer schneller, um Schritt halten zu können. Und die Zeit rast an uns vorbei, ohne dass wir besonders glücklich oder besonders unglücklich sind. Ja, auch solche Abschnitte gibt es, das Leben läuft in geregelten Bahnen, manchmal schneller, manchmal langsamer, unspektakulär. Das kann gut sein, geordnet, gibt Sicherheit. Aber pass auf, dass das Leben nicht an dir vorbeizieht! Sorge dafür, dass du in deinem eigenen Tempo läufst. Dass du dich auch mal aus dem fahrenden Zug lehnst, du musst ja nicht gleich springen. Aber ein bisschen frischer Wind kann manchmal nicht schaden, pustet Sorgen weg, macht den Kopf frei.

Ein paar Jahre sind vergangen. Ich bin älter, größer, groß genug, um mit der höchsten Achterbahn fahren zu dürfen. Und ich fühle mich doch zurückversetzt, klammere mich an die Metallstange vor mir, panisch diesmal. Und wünschte, sie wäre die Mähne eines Einhorns. Langsam, quälend langsam wird mein Wagen nach oben gezogen. Wieso auch musste ich mich ganz vorne hinsetzen. Dieses Mal bin ich nicht ganz so glücklich mit meiner Platzwahl. Es hat über 30 Grad, aber mich fröstelt, hier oben weht ein kalter Wind. Ich zwinge mich, nach unten zu schauen, wo der Freizeitpark aussieht, als wäre er zum Spielen da und die Menschen, als wären sie nur Playmobilfiguren. Da wirken die Wolken über mir noch greifbarer. Schade, dass sie nicht rosa und aus Zuckerwatte sind, denke ich mir gerade und bekomme nicht mit, dass wir den höchsten Punkt der Achterbahn erreicht haben und mein Wagen nicht mehr gezogen wird. Ich bin nicht darauf gefasst, in die Tiefe zu stürzen. Unerwarteter Fall.

Ich falle, falle tief und lande hart. Ich wusste es. Ich wusste, dass es so kommen muss, irgendwann. Ich war darauf vorbereitet, dachte ich. Und dann trifft es mich hart, härter als gedacht. Schmerzen, alles tut weh, fast schon körperlich. Kann nicht mehr aufstehen. Lasst mich liegen. Das ist mein Abgrund, mein eigener Graben. Ihr könnt mir nicht helfen. Ihr sollt mir nicht helfen. Das hier ist meine Misere, ihr versteht mich nicht, fühlt nicht so wie ich. Nackter, kalter Boden. Ich liege hier, starre ins Schwarze und bin unfähig mich zu bewegen. Wie geht das?

Ein paar Monate sind vergangen. Ich bin nicht älter, nicht größer, aber definitiv mehr ich. Und weiser natürlich, ich merke förmlich, wie ich andere Menschen belächeln muss und mir vorstelle, dass meine Haare eigentlich schon ergraut sein müssten. Spaß beiseite, oder vielmehr: Her mit dem Spaß. Ich kann immer noch Kind sein, kann es wieder sein, immer wieder. Ich kann mich um mich selbst drehen, kann mein eigenes Karussell und meine eigene Sommersonne im Winter sein. Ich kann mich aus dem Fenster lehnen, weit, kann springen und hoffen, dass mein aufgespannter Regenschirm den Fall bremst. Ich kann stolpern und stürzen, weil ich weiß, dass es helfende Hände gibt. Hände, die mich mitreißen, hochreißen, stützen, umarmen. Ich kann weinen und liegen bleiben, ein bisschen, weil ich weiß, dass das dazugehört, dass nicht alles Zuckerwatte ist. Ich kann traurig sein und gleichzeitig lächeln dabei, weil ich weiß, dass es vorbeigeht, süßer schokoladiger Schmerz, der bei den nächsten Sonnenstrahlen schmilzt. Und ich kann lachen, herzhaft, bis dass mir die Tränen kommen, am besten über mich selbst. Weil es unglaublich befreiend ist und mir die Absurdität des Lebens genug Impulse präsentiert. Nicht nur mir.


Auch dir, denn das Leben ist eine Achterbahn, es geht auf und ab, das Leben ist eine Karussellfahrt, macht unglaublich viel Spaß und dreht sich immer weiter, auch wenn es keinen Spaß macht. Das klingt ein wenig platt und ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Jedoch sollte man sich besonders in den Situationen, die einem hoffnungslos erscheinen, daran erinnern. Dass Tiefpunkte dazugehören und dass man an ihnen wachsen kann, egal wie schrecklich und ausweglos sie zuerst erscheinen mögen. Die schmerzhaftesten Lektionen sind immer die lehrreichsten. Zwei Schritte zurück bedeuten nicht unbedingt Rückschritt. Stillstand bedeutet nicht unbedingt Sackgasse. Manchmal braucht es einen Rückschlag, um uns zu zeigen, was wirklich wichtig ist, um uns zu einer Pause zu zwingen oder um Kräfte zu entwickeln, die wir an uns oder vielmehr in uns nie für möglich gehalten hätten und die es uns ermöglichen, wieder aufzustehen und wieder Fahrt aufzunehmen. Immer schneller, kraftvoller als zuvor, bis zum nächsten Höhenflug. Der ist dann umso schöner, vergleichsweise. Vielleicht auch länger, kommt auf die Einhornrasse drauf an. :)


Jule



Freitag, 1. Januar 2016

Bunte Kiste: Dezember 2015

Genießen, alles, alles ein bisschen zu viel. Glücksmomente. Freundschaft. Ehrlichkeit. Schock. Trauer. Vertrauen. Wut, Schmerz, Abstand. Bewusstsein. Klarheit.



Gefreut über: Café-Lila-Abende, gute Gespräche und gute Gedanken, einen Poetry-Slam, nächtliches Nüsse knacken, unsere Ausstellung, beste Freunde, mein Durchhaltevermögen, einen Lachkrampf, Kastanienbraten, einen Kurztrip nach „Italien“, Sonne, Waldspaziergänge, hässliche Plätzchen, Bastelzeit, einen Chile-Abend, Entspannung, Zeit mit Schwesterherz und Zeit für mich

Geärgert über: Träume, Nebenwirkungen, Lavendel, Asymmetrie, darüber, dass ich nicht einfach einen Knopf drücken kann und die Zuschreibung dieser uralten Rolle, die ich definitiv nie wieder einnehmen werde

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Da bahnt sich etwas an, Donnergrollen. Und ich stehe da, freue mich auf die ersten Blitze, dass sie einschlagen und diese verdammte Geschichte kaputtmachen. Dass es brennt, lichterloh. (...) Und ich stehe da und genieße, Dekadenz der Zerstörung.“

„Wie tötet man Hoffnung?!“

„Kann mal jemand bitte meine blühende Fantasie kanalisieren? :D“

„Ich schenk‘ mich doch nicht her. Nö.“

„Wie kostbar so ein Menschenleben doch ist und wie oft wir damit spielen, mit unserem Leben, unachtsam, wie ich mit meinem Leben schon gespielt habe. Und dann kann es so schnell gehen und alles ist vorbei, viel zu schnell, viel zu jung war er. Dankbarer sollten wir sein, für unser Leben, das, was wir haben, die Menschen, die wir um uns haben und dankbar, für jeden Moment, den wir erleben, bewusst sollten wir erleben, sollten leben.“

„Dafür gibt es keine Worte, keine Worte, die erklären, trösten, helfen. Nur Gesten, vielleicht.“

„Endlich sehe ich das auch so, sehe mich so, so wie es sein sollte. Meistens, nicht immer. Aber so oft, dass es mir auffällt, positiv, und anderen anscheinend ebenfalls. „

„War ja klar. Worauf warte ich noch? Das war der Startschuss für das Ende.“

„Ein Endspurt kostet am meisten Kraft. Ich habe noch Energiereserven, erstaunlicherweise.“

„Hör‘ nie auf zu träumen, denn Träume zeigen dir, was möglich ist, zeigen es dir schillernd und bunt wie Seifenblasen. Hör‘ nie auf zu träumen, denn Träume lassen sich realisieren, können greifbar werden, wenn du es willst. Träume platzen, sind wie Seifenblasen, leicht, leicht zu zerstören. Also komm, greif‘ danach, lass aus Seifenblasenträumen Wirklichkeit entstehen und bau dir deine Realität.“

„Was ist ein Mensch ohne Träume? Eine Hülle, eine Blase, Seifenblase, die nicht schillert.“

„Wieso nur müssen wir immer und immer wieder diesen Machtkampf austragen, seit Jahren. Der zu nichts führt und allen Beteiligten viel zu viel Kraft kostet.“

„Ich dachte immer, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Ich dachte immer, es gibt genug dazwischen, Grautöne, Grauzonen. Ich dachte immer, bei dir wäre eh alles anders. Und merke, ich habe mich geirrt.“

„So schließt sich der Kreis. Jedes Puzzleteil ist an seinem Platz. Ich habe gesucht und geflickt und alles zusammengesetzt. Kann ich das so stehenlassen? Kann ich ihn so stehenlassen? Kann ich mich umdrehen und nicht mehr zurückblicken?“

„Vergib dir für alles, was war. Bereue nichts. Sei dir bewusst. Vertrag dich mit dir selbst. Wage, wieder und wieder. Dreh dich nicht um, schau nach vorn. Geh niemals mehr zurück. Alles liegt vor dir, freu dich drauf. Das klingt als müsste ich mich beschwören.“

„Was bleibt? Leere, Beklemmung, Wut. Auf mich und das Leben. Von Befreiung keine Spur.“

„Ich hatte mir das anders vorgestellt, einfacher. Und vor allem schmerzfreier.“



Und der Januar?


Ich freue mich auf: Snowboarden (ja, jetzt wirklich :D), Zeit mit Freunden und mit mir. Ein neues Kapitel, ein neues Jahr und alles, was es für mich bereithält.

Jule

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Feuerball


Das Mädchen, das in Flammen steht. Feuer gefangen. Es dauert zehnmal so lange, sich wieder zusammenzufügen, wie es dauert zu zerbrechen. Das Mädchen, das in Flammen stand. Ascheregen. Es rieselt leise, aber die Wut lodert wie helles heißes Feuer. Funken sprühen und erhellen alles, die Energie ist förmlich greifbar. Phönix aus der Asche, erhebt sich in die Luft, breitet die Flügel aus und fliegt, fliegt endlich fort, endlich frei. Zurück bleibt beißender Rauch und der Geruch nach Verbranntem. Die Sonne scheint.

Freitag, 25. Dezember 2015

Öfter mal...ausmisten

Ich reiße die Tür zu meinem Zimmer auf, haste zu meinem Schreibtisch und versuche dieses eine Dokument zu finden. Verdammt, wo ist es bloß hin?? Beim Versuch, ein wichtig aussehendes Blatt Papier aus einem beinahe 30 Zentimeter hohen Stapel zu ziehen, gerät der ganze Turm ins Wanken, die Blätter verteilen sich auf dem Boden und reißen noch mein Mäppchen mit, dessen gesamter Inhalt sich dort ergießt. Super. Bin ja kaum im Stress. Als ich hektisch alles einsammeln und auf’s Bett werfen will, stolpere ich noch über meine Yoga-Matte, ein paar Kleidungsstücke und die fünf Bücher, die ich jetzt endlich lesen muss. Die Zeichen sind eindeutig: Ich sollte aufräumen und ausmisten.

Ich sollte ausmisten, mein Zimmer, meine Sachen, meine Kleidungsstücke. Und meine Kontakte, meine Bekanntschaften, meine Freunde. Zu viel Zeug raubt Zeit. Zu viele Menschen auch. Vor allem, wenn mir diese mehr Zeit rauben als schenken, wenn sich die geraubte Zeit verloren anfühlt oder wenn mir deren geschenkte Zeit schlichtweg nichts bringt. Nur Stress und Chaos, Gefühlschaos vielleicht. Den Überblick habe ich längst verloren, sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, den Holzfußboden vor lauter Krimskrams und die wahren Freunde vor lauter Partybekanntschaften nicht mehr. Ich will wieder den vollen Durchblick.

Und dazu muss ich Ordnung schaffen, klar Schiff machen. Denn ich will wieder Kapitän sein und die Richtung bestimmen, das Segel setzen und Fahrt aufnehmen. Doch dazu muss der Ballast über Bord, ich miste aus. Alles, was ich nicht brauche, kommt weg. Kaputtes, Unnützes, Ungeliebtes. Alles, was zu viel ist. Jeder, der zu viel ist. Jeder, der zu wenig für die Kategorie „Freund“ ist und du, der du zu viel dafür bist. Sie, weil sie da nicht hingehört. Er, weil er einfach nicht reinpasst. Du, weil du immer zu viel bist. In beinahe jedem Moment und dazu muss ich dich nicht einmal sehen, Gedanken reichen schon. Du passt nicht in mein Leben und ich habe keinen Platz in deinem. Ich will auch keinen Randplatz einnehmen und nur Zuschauer sein. Ich will Einfluss nehmen, will, dass du mich beeinflusst, aber das geht längst nicht mehr, ist nur Ballast.

Da gibt es andere, die mir helfen, Ballast zu tragen, die vielleicht zusammen  mit mir die Richtung bestimmen, mal das Steuer rumreißen und dafür sorgen, dass ich nicht kentere. Das sind die, die diese Fahrt schöner machen, leichter, wertvoller. Die ich nie missen will und die nie ausgemistet werden. Die anderen? Verzichtbar. Unverzichtbar vielleicht für einen netten Abend, eine Partynacht, einmal vergessen wollen. Aber verzichtbar für die Grundausrüstung, die steht fest. Ist unter Umständen noch erweiterbar. Der Rest ist Deko, schön anzusehen, manchmal erdrückend. Kann ausgemistet werden, kann über Bord.


Ich setze die Segel neu, neues Jahr, reise weiter. Richtung Horizont, gen Himmel und noch viel weiter. Der Wind dreht, schiebt mich an, kaum noch Widerstand. Ich nehme Fahrt auf. 


Jule

Sonntag, 13. Dezember 2015

3.Advent. Es brennt.

Advent, Advent, es brennt. Kerzenschein, ich allein. Die Flammen sind heiß, ja klar, ich weiß. Und trotzdem verbrenne ich mich, denke viel zu oft an dich. Verbrenne mir die Finger und mein Herz, spür‘ ihn wieder, stechender Schmerz. Offenes Feuer und offene Wunde, Erlösung zu keiner Stunde. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Doch du stehst nicht vor meiner Tür. So lang‘ stand sie dir offen, jetzt hör ich endlich auf zu hoffen. Ich werd‘ sie verschließen, für immer. Dunkelheit, kein Lichtschimmer.


Stille Nacht, gib‘ auf dich acht. Hüte dich vor zu viel Nacht, es gibt niemanden, der wacht. Hüte dich vor zu viel Licht, das verschleiert dir die Sicht. Zünde eine Kerze an, im stillen Gedenken an vergangene Zeit. Und sei bereit.

Sei bereit, das Ende ist nicht mehr weit. Es brennen bereits 3 Kerzen. 3 Kerzen, von denen 2 schon um mehr als die Hälfte ihrer Größe geschrumpft sind und wulstige Wachsränder über Bord werfen. 3 Kerzen, die wie warnende Ausrufezeichen zu blinken scheinen, es sei genug. 3 Worte, deren Bedeutung ich nie verstanden habe. Bis jetzt. Bis jetzt, da ich weiß, wie viel Schmerz sie verursachen können, wie viel Enttäuschung, Wut, Leid. Wie viel Hoffnung. Wie viel Schönes entstehen und wie viel kaputtgehen kann. Hatte Feuer gefangen, damit gespielt, mich verbrannt. Funkenregen. Es brennt noch immer. Zeit heilt alle Wunden, wer aber zählt die Stunden? Aus Stunden werden Tage, aus Tagen werden Monate und noch immer. Noch immer Funken, zu heiß. Ich warte auf den Ascheregen.

Advent, Advent, es brennt. Tannenduft, ich bekomme kaum noch Luft. Ich schaue in die Flammen dieser drei Kerzen, so lange bis sie vor meinen Augen verschwimmen, bis alles verschwimmt, weil ich vor Tränen nichts mehr sehe. Brennende Kerzen und brennende Herzen. Eigentlich ist es nur mein Herz, das in Flammen steht. Das verbrennt. Bis nur noch Asche übrig ist.

Sei bereit, denn es brennen bereits 3 Kerzen. Sei bereit und warte auf die Schmerzen. Eine Flamme fehlt noch bis zum Ende, zu viel Energie, die ich verschwende.

Advent, Advent, es brennt. Träume, die ich jetzt versäume. Trügerisch war der Schein, ich will lieber allein sein. Ich will keine Nähe mehr, das schmerzt mich viel zu sehr. Ich will endlich erlöst werden vom Regen, dieses Buch beiseitelegen.

4.Advent. Die letzte Kerze erlischt. Es ist Nacht, stille Nacht. Ich brauche niemanden, der wacht. Und leise rieselt der Schnee, schwarz und dunkel liegt vor mir der See. Düster glitzert der Wald, ich freue mich, denn das Ende kommt bald. Die Hoffnung liegt begraben, ich will meine Freiheit wieder haben, will tanzen um’s Feuer und im Regen, vergilbte Buchseiten wegfegen. Ohne Hoffnung, doch mit Zuversicht, schaue ich in’s flackernde Licht. Heller Schein, es musste wohl so sein. Die Hitze wird der Wärme weichen, ein bisschen Glut muss reichen. Nach dem Regen kommen Schnee und Eis, und ich weiß, es wird anders sein. Doch ich bin nicht allein, bin umgeben von stiller Nacht. Hatte zu viel gedacht und werd‘ jetzt einfach tanzen bis zum Morgenlicht, neues Jahr und neue Sicht.


Bild von Vicky

Eure Jül

Dienstag, 8. Dezember 2015

Ich will alles. Alles in Maßen.

Ohja, ich fühle mich zurückversetzt, bin wieder Kleinkind, 5 Jahre alt, ungefähr. Stehe im Supermarkt und setze diesen Ort gleich mit dem Paradies, alles bunt, alles aufregend. Ich will alles. Will alles anfassen, probieren, herumtragen, haben, essen, besitzen. Will alles sehen, 180 Grad Kopfdrehung ist nicht genug. 360 Grad? Geht nicht. Ich kann weder alles sehen, noch anfassen, noch bekomme ich ein jedes dieser verlockenden Produkte. Unverständnis, Trotz, Wut. Warum nicht?!

Heute ist jetzt und das Leben erscheint mir wie ein riesiger Supermarkt mit schier endlosem Angebot, nichts, was es nicht gibt. Spaß, Partys, Freunde. Bekanntschaften, noch mehr Freunde. Freiheit, Ungebundenheit, Sex. Nur mit ihm, Nähe. Distanz, wenn ich sie mal brauche. Kleidung, Technik, Schmuck und Schnickschnack. Essen, in allen Farben und Formen. Das süße Leben, schmecken, riechen, verschlingen. Aber wann ist man satt, wann übervoll?

Bis vor kurzem dachte ich, nie bin ich satt, ich will alles, alles und noch mehr, mehr ist nicht genug. Ich kann alles haben. Ich will auf nichts verzichten. Ich will alles mitnehmen. Alles erleben, alles spüren, alles auskosten. Bis vor kurzem dachte ich, nie höre ich auf damit, immer hoch hinaus, immer bis zum Schluss. Und dann noch weiter?

Heute ist jetzt und ich will alles, immer noch. Aber in Maßen. Klingt langweilig? Manchmal, mag sein. Denn manchmal mache ich gar nichts, will ich gar nichts. Und manchmal übertreibe ich, eh klar. Aber dann ist auch wieder gut, ich kann mich besinnen, kann einen Gang runterschalten, oder zwei und komme trotzdem vorwärts. Lieber wähle ich in Maßen als in Massen, lieber selektiv als ohne Anspruch und Begrenzung. Lieber höre ich auf das, was mir guttut, als auf das, was mein Kopf mir sagt. Oder die anderen. Die Gesellschaft. Da entsteht nur Druck und den kann ich nicht brauchen, lieber lasse ich ihn ab und zwar nicht an mir, nicht an anderen, sondern in die Welt. In Versen und Verben, Kunst und Kritzeleien, Quatsch. Und dafür brauche ich Platz, den ich zu wenig habe, wenn ich übervoll bin.


Um mal wieder bildlich zu werden: Natürlich kann man den ganzen Tag planlos Süßigkeiten zu sich nehmen, Hauptsache, man probiert alles, jede Farbe, auch die runden und die bunten. Den Punkt, an dem man satt ist? Verpasst man. Bis zum Völlegefühl. Das ganze Austesten war es dann auch nicht wert. Maßvoller? Man überlegt sich, worauf man Lust hat und genießt, langsam, in vollen Zügen und bewusst. Dieses Stück sauteurer Schokolade, das so langsam auf der Zunge schmilzt, tausend Geschmacksknospen in Schwingung versetzt und mit ein bisschen Fantasie sogar nach Kaffee schmeckt. Ich überlege mir, worauf ich Lust habe. Party, Entspannung. Gesellschaft, Allein sein. Rennen, Spazieren. Stehenbleiben, Innehalten. Und genieße bewusst, diese Nacht mit euch, diesen Abend mit ihm und diese Stunden mit mir. Vielleicht will ich mehr, dann ist das okay, dann gönnt man sich halt ein zweites Stückchen. Dafür ist noch Platz. 


Eure Jül

Dienstag, 1. Dezember 2015

Bunte Kiste: November 2015

Sturm und Ruhe. Einbrechen und Aufbauen. Stabiler diesmal. Distanz und Nähe. Stolz und Stärke. 


Gefreut über: morgendliche Joggingrunden, Kaffeemomente, einen undiplomatischen Mälze-Abend, ganz viel Kürbissuppe, einen Ausflug nach Prag und einen nach Heidelberg, Glühweinmomente, ein chilliges Wochenende in der Heimat, Besuch aus Rosenheim und aus Berlin, Sektmomente, meine Yoga-Probestunde, den ersten Schnee, neue coole Menschen und den Duft von Mandarinen

Geärgert über: so einiges, was mir aber zurzeit nicht erwähnenswert scheint

Auszüge aus meinem Tagebuch:

"Wir können so stolz auf uns sein, haben schon so viel geschafft und schaffen auch noch den Rest. Und dann? Dann schreiben wir ein Buch, über unsere Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte :)"

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich so stark bin, hatte mich schon beinahe wieder aufgegeben. Gut, dass sie mir vor Augen geführt hat, was ich alles geschafft habe, schaffen kann. Genau im richtigen Moment."

"20.Mai 2016. Es ist machbar."

"Was ist schon normal? Schwer zu sagen. Aber das hier definitiv nicht."

"Ist das Heimweh? Dabei vermiss ich keinen Ort. Sondern nur Ruhe, Nähe, Menschen, besondere Menschen. Und dich."

"Mein Kopf versteht es einfach nicht, begreift mein Herz einfach nicht. So verdammt unlogisch. Es macht keinen Sinn und doch ist es so. Grand Canyon des Widerspruchs."

"Woher soll ich wissen, was gut ist für mich?! Wie viel davon? Wie viel soll es überhaupt um mich gehen, wie viel um andere?"

"Meine Maske ist gefallen, ich will nie wieder Puppe sein."

"Ist das ein Kriterium für Freundschaft?"

"Dieser Bahnhof. Eine Erinnerung taucht auf, tausende. Und versetzen mir einen Stich, tausende. Kalt ist es, mein Atem malt weiße Wölkchen in die Luft. Auch damals war es kalt, eisig kalt, und trotzdem war mir warm gewesen. Heute friere ich."

"Interessant, was sie bemerkt hat und vermutlich hat sie recht. Da ist etwas in mir zerbrochen. Aber das war wichtig. Als wäre die meterdicke Eisschicht eines zugefrorenen Sees immer dünner geworden und schließlich durchbrochen worden. Scherben, Splitter, Millionen Eiskristalle. Die Wunden verursacht und Narben hinterlassen haben. Aus denen Schmelzwasser wurde, das den Schmutz mitgenommen hat. Das mich befreit hat, irgendwie."

"Vorhersehbar war es. Trotzdem überrascht von diffusem Verlangen. Gedanken machen überflüssig. Einfach, weil es einfach war."



Und der Dezember?


Ich freue mich auf: Glühwein und Christkindlesmarkt, Schnee und den coolsten Symbiose-Adventskalender, Snowboarden (diesen Monat hoffentlich wirklich!), Schafmilchseifen, einen überfälligen Poetry-Slam, die Vollendung des Chaoten-Projekts, ein bisschen Chillen, mein nächstes Tattoo, Wiedersehen mit Schwesterherz, eine Geburtstags- und eine Weihnachtsparty

Jule