Freitag, 18. September 2015

Die Kunst des Loslassens

Ich kann gut zeichnen, malen, schreiben. Kann gut nachdenken, reflektieren, philosophieren. Ich kann gut planen und organisieren, kann gut fantasieren. Ich kann nicht loslassen, kann es nicht gut sein lassen.

Menschen um mich, ich in der Menge, ich sehe rot, sehe rote Menschen, eine rote Menschenmenge. Künstler, Artisten, Jongleure, ein Festival der etwas anderen Art und ich mittendrin. Bin aufgedreht. Kichere albern und schieße tausend Fotos, knipse wild um mich, drehe mich wild um mich. Er lacht, lacht mich ein bisschen aus. Freut sich über meine Freude, er passt auf, dass ich in meiner Euphorie nicht stolpere, nicht gegen Menschen und Dinge renne. Ich will mittendrin sein, nein, ganz vorne. Ich will auch einen Luftballon, einen roten. Die werden aber nur auf der anderen Seite verteilt, sowas Ungerechtes. Ich springe, winke, kreische und dieser rote Stelzenmann bemerkt mich. Bemerkt mich, grinst und gibt mir einen Luftballon, den letzten. Vor Aufregung lasse ich fast meine Kamera fallen. Warte auf den Countdown. Halte ihn fest, ein bisschen krampfhaft. Spüre wie die Schnur in die Haut meiner Finger einschneidet, das sanfte Gewicht des Ballons, der frei sein will. 5…4…3…2…1…


Ich kann gut zeichnen, malen, schreiben. Kann gut nachdenken, reflektieren, philosophieren. Ich kann gut planen und organisieren, kann gut fantasieren. Ich kann nicht loslassen, kann es nicht gut sein lassen.

Menschen, die ich festhalten will, Erinnerungen, Gefühle. Vergangenes. Ich möchte all das Schöne, was ich erlebt habe, für immer konservieren. In Gläser füllen und bei Bedarf herausholen, Deckel auf, riechen, eintauchen. Marmeladenglasmomente. Ich möchte die letzte Reise festhalten, den Sonnenuntergang, den Sommerabend dort und diese eine Nacht, gute Gespräche, dein Lächeln, das Gefühl stolz auf mich sein zu können, das Gefühl angekommen sein und Glücksmomente. Aber all diese Momente sind vergangen, kommen nicht wieder. Und wenn ich all das festhalten möchte, tue ich mir vielleicht selbst keinen Gefallen. Dann bin ich abhängig von der Vergangenheit, von Vergangenem, beraube mich meiner eigenen Freiheit. Schränke mich ein. Vergleiche. Erwarte. Werde enttäuscht. Denn all diese Momente werden nicht wiederkommen, all die kommenden Reisen, Sommerabende, Nächte, Gespräche und Glücksmomente werden anders sein. Und das ist auch gut so. Sie sind einzigartig. Alles, was war, war besonders und alles, was kommend wird, wird anders, anders besonders sein. Und es werden andere besondere Momente kommen, ich muss nur offen dafür sein. Und das bin ich wohl nur, wenn ich loslasse.

Menschen, die ich nicht festhalten kann. Und es auch nicht sollte. Beziehungen, die mich einschränken. Mir die Luft zum Atmen nehmen. Ballast abwerfen. Ja, ich halte fest, halte Menschen fest, halte mich an Menschen fest. Mir ist das wichtig, mir sind diese Menschen wichtig, der Kontakt zu ihnen, egal wo und wie. Aber wenn nur ich Kontakt halte, nur ich festhalte, dann wird das anstrengend. Dann muss ich loslassen, versuchen zu akzeptieren, dass Menschen sich verändern. Dass Freundschaften sich verändern, vielleicht keine Freundschaften mehr sind und ich sie gehen lassen sollte. Das ist traurig, aber diese Menschen und Momente gab es, sie waren schön, schöne Erinnerungen. Und das Jetzt wird zu neuen Erinnerungen mit neuen Menschen, neuen Momenten. Ungewissheit.

Ich lasse los. Lasse den Ballon fliegen, sehe ihm hinterher, wie er aufsteigt, hochgetragen wird von Luft, Wind und Helium. Sehe tausend andere Ballons, rote Tupfen am wolkenverhangenen Himmel, sehe wie sie kleiner werden, immer kleiner. Marienkäferhimmel.

Ich kann gut zeichnen, malen, schreiben. Kann gut nachdenken, reflektieren, philosophieren. Ich kann gut planen und organisieren, kann gut fantasieren. Ich kann nicht loslassen, immer noch nicht. Es war einfach, den Luftballon steigen zu lassen und mir vorzustellen, das immer so zu machen. So einfach ist es nicht. Aber vielleicht muss ich gar nicht aufhören an allem festzuhalten, um loslassen zu können, vielleicht reicht es, Veränderung zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass andere schöne Momente bevorstehen. Ungewissheit. Man weiß nie, was kommt und es kommt immer anders. Da tut es gut zurückzudenken, was man geschafft hat, dass man es immer irgendwie geschafft hat. Festhalten gibt Sicherheit. Loslassen schenkt Freiheit. Und nein, das schließt sich nicht aus ;)


Jule

Dienstag, 8. September 2015

Öfter mal … laufen, soweit die Füße tragen

Jener Tag im August war ein Sonntag. Entspannung, die Füße hochlegen, die Sonne genießen. Sollte man meinen. Aber jener Sonntag war anstrengend, nicht körperlich, nein, aber emotional. So anstrengend, dass ich mich vor lauter Gefühlen leer gefühlt habe, dass mein Kopf gepocht hat als würde dort eine neue Stadt errichtet werden, Baustelle, Lärm, Presslufthammer. So anstrengend, dass jeder Gedanke zäh und schwer war wie Blei, dass ich nicht mehr wusste, was ich will und was nicht.

Und dann habe ich das gemacht, was ich früher so oft und so lange nicht mehr gemacht habe: Ich bin in meine Sportschuhe geschlüpft, hab‘ meinen IPod herausgekramt und bin losgelaufen, im Takt der Musik und im Einklang mit meinem Atem. So episch ging’s nicht weiter, bald merkte ich, dass ich schon lange nichts mehr für meine Ausdauer getan hatte, mir fehlte die Luft zum Atmen, das Blut stieg mir in den Kopf und meine Beine wurden schwer. Aber ich merkte auch, wie gut es tat, einfach nur zu laufen, mich zu bewegen, einfach vorwärts, immer weiter. Nicht denken, nur laufen, links, rechts, links. Nicht denken, nur atmen, ein, aus, ein.

Ich merkte, wie die Sonne auf mein Gesicht brannte, sich Schweißperlen auf meiner Stirn sammelten und an meinen Schläfen herabrannen. Ich merkte den leichten Luftzug beim Laufen, der mich nur minimal abkühlte. Ich spürte Zweige, die mir auf diesem schmalen Waldweg in’s Gesicht klatschten, den Boden unter meinen Füßen, wie ich hart aufsetzte und doch weich zurückgefedert wurde. Rhythmisches Klopfen meiner Schritte, Hintergrundbeat. Ich spürte, wie anstrengend das war und wie viel Kraft ich doch hatte, spürte meine Sehnen und Muskeln und den Willen meines Körpers, mich bis an’s Ende der Welt zu tragen. Naja fast. Aber nicht nur meine Beine bewegten sich, bewegten sich schnell und kraftvoll, sondern auch meine Gedanken.

Wenn ich mehr Puste gehabt hätte, hätte ich wohl lachen müssen, so einfach schien mir jetzt alles. Ich wusste, was ich machen muss. Ich wusste es schon vorher, weiß, was das Richtige ist, auch wenn es schwer ist. Ich weiß, dass es irgendwann wieder leichter wird, dass ich irgendwann wieder besser Luft bekomme, wie jetzt nach dieser Waldrunde. Ich weiß, dass ich mich freikämpfen muss, so wie ich mich jetzt freilaufen musste. Ich weiß, dass es anstrengend wird, aber ich weiß auch, dass es mir danach besser geht, erschöpft, außer Atem, aber angenehm ruhig. Verschnaufpause. Und dann wieder weiter, soweit mich meine Füße tragen.


Was ich daraus lerne und was ich euch mitteilen will? Dass es verdammt guttut sich selbst und seinen Körper zu spüren, Anstrengung, Muskelbewegung. Egal, ob Joggen, Rad fahren, Seil springen oder Trampolin. Egal, ob Schwimmen, Karate, Tanzen oder Boxen. Hauptsache bewegen, ins Schwitzen kommen, raus, raus, tob‘ dich aus. Mach ‘ne Pause, Denkpause, lenk dich ab. Und die Gedanken denken weiter, ganz alleine, aber du, du denkst nicht nach, machst einfach. Konzentrierst dich auf die Bewegung und deinen Atem und wenn du dann außer Atem bist, erschöpft, wirst du merken, dass du mehr Kraft hast als zuvor. Nicht körperlich in diesem Moment, aber geistig. Dass du kreativer bist, wacher, voll bist mit Sauerstoff und Ideen. Und vielleicht wirst du wie ich merken, dass einige Dinge klarer geworden sind, dass du leichter Entscheidungen treffen kannst, dass du weißt, was du brauchst und was du für dich tun musst. Weil du dich gespürt hast, mit deinen Grenzen und deiner Kraft. Weil dein Atem die Gedanken in geordnete Bahnen gelenkt hat und deine Füße dich auf den richtigen Weg gebracht haben, dich weiter tragen werden. Vielleicht sogar bis an’s andere Ende der Welt :) 

Eure Jule

Dienstag, 1. September 2015

Bunte Kiste: August 2015

Hitze, Verbrennen, Asche. Sommer, Sonne, Musik. Träume und Ziele. Gespräche, so gute, so viele. Schweigen, so dicht. Distanz und Vermissen. Heimweh und Tränen, Freudentränen. Gesellschaft und echte Freunde.



Gefreut über: das letzte Festival, diese eine, echte, coole Bekanntschaft, jede Menge Ablenkung, dieses Becken mit den vielen bunten Bällen, Besuch aus Clermont und aus Luxemburg, mein Pêche-Chèvre-Entrée-Dessert, Partynächte und nächtliche Gespräche, das erfolgreiche Öffnen einer Bierflasche mit einem Feuerzeug, diesen roten Luftballon, einen Regentanz, Balkon-Chillen mit Schwesterherz, ein schlaues Mädel, das mich kennt ohne mich lange zu kennen, Komplimente ohne Ende und die besten Freunde der Welt

Geärgert über: eine fiese Erkältung und meine Ungeduld

Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Ja, stimmt, damit hatte er Recht. Wenn ich davon erzähle, muss ich automatisch lächeln. Nur dass es jetzt kein leichtes, unbeschwertes Lächeln mehr ist, sondern ein vom Leben markiertes.“

„Einzige Lösung? Bachelorette und Hugo. Um diesen beschissenen Abend rumzukriegen.“

„Wir retten nicht unseren Planeten, nein, wir retten nur uns. Unsere Rasse. Aber die Erde wird sich weiterdrehen, egal mit welchen Lebewesen.“

„Wir haben über’s Glücklichsein geredet und ich hatte Tränen in den Augen. Und das nicht, weil ich nicht glücklich war oder glücklich war. Sondern weil mir bewusst wurde, dass ich es in der Hand habe, dass ich der Schlüssel zum Glück bin, zu meinem Glück.“

„Was hab‘ ich beizutragen? Wie kann ich diese Welt verändern, verbessern, ein klein wenig nur? Was begeistert mich so, dass ich damit auch andere begeistern kann? Fragen über Fragen. Und noch keine Antworten.“

„Jetzt wird es wichtig, jetzt geht es um mehr, Substanz, bis in den Kern. Nie war mir mehr bewusst als jetzt, dass ich wählen muss.“

„Klar bin ich stark. Immer mal wieder ein bisschen. Schon immer gewesen. Anscheinend bin ich aber immer dann nicht stark, wenn ich auf Papier stark bin. Als würde ich stärker werden, wenn ich es schwarz auf weiß habe. Als müsste ich mir gut zureden, mich beschwören. Als würde ich mich belügen?“

„Ich will es haben, in meinem Zimmer, anstatt einem Bett. Dieses Becken mit den bunten Bällen, sowas Cooles. Will da drin schlafen, schwimmen, andere mit Bällen bewerfen. Will wieder öfter Kind sein. Regenbogenschneeballschlacht :)“

„Vielleicht kann ich noch nicht vergessen. Es gibt noch offene Türen, offene Wunden, Fragezeichen. Aber ist es Schwäche, durch falsche Türen zu gehen und die richtigen zu schließen? Ist es Schwäche, Wunden nicht zu verarzten, sich zu schnell zu bewegen und der Kruste beim Aufplatzen zuzusehen? Ist es schwach, nach Antworten zu suchen und sich immer wieder zu verlaufen? Vielleicht gehört dieses Irren, Ignorieren, Straucheln und Suchen ja zu meinem Weg, gehört einfach zum Leben. Vielleicht gewinne ich dadurch Stärke, echte Stärke. Und dann kann ich vielleicht nicht nur auf Papier niederschreiben sondern in Stein meißeln. Muss‘ gar nicht vergessen.“

„Wir biegen in diese Straße ein, in die ich schon 29495766831 Mal eingebogen bin. Wieso schmerzt diese Vertrautheit gerade so?“

„Ich bin gerade einfach nur dankbar, ich hab‘ wohl wirklich die besten Freunde, so viele, so viele, die immer da sind, auch wenn sie am anderen Ende der Welt sind und so viele, die nicht immer da sind, aber immer dann, wenn es wichtig wird. Und solche, die einfach auftauchen, wenn man es nicht erwartet und wenn wieder alles so ist, wie es war als man sich noch täglich gesehen hat. Und solche, die neu dazukommen, die andere ersetzen. Dieser eine, der den anderen ersetzt, der aber doch nicht in diese Lücke passt. Der einen neuen Platz einnimmt. Das Loch bleibt, die Lücke lässt sich nicht schließen. Aber das Ganze ist ein Netz, das hält, das mich auffängt, trotz fehlender Maschen. Sprungtuch.“

„Schade, es gibt keinen Schalter. Licht ein, Licht aus. Würd‘ gern den Stecker ziehen. Stattdessen krieg‘ ich bei jedem Versuch einen Stromschlag.“

„Wieso nochmal lebe ich gern in Extremen, fühle intensiv, viel zu sehr? Das ist doch anstrengend. Reizüberflutung.“

„Aber was, wenn ich’s drauf ankommen lassen will?!“


Und der September?


Ich freue mich auf: Momente mit den Besten, eine Reise nach Berlin, Hamburg mit der besten Schwester, Zeit für mich, Waldspaziergänge und Joggingrunden, Ungarn inklusive Wiedersehen und Wiedersehen mit der ALLER-Besten, die viel zu lange zu weit weg war!

Jule

Sonntag, 23. August 2015

La solution? C'est toi, c'est toujours toi.

So einfach und so schwer zugleich. So einfach zu merken und so schwer umzusetzen. Denn was tun, wenn du weißt, dass du dein eigener Schlüssel zum Glück bist, du dich aber permanent in die falsche Richtung drehst, dir Türen versperrst, die du dir selbst öffnen könntest?

Fragen, Fragezeichen, überall, ruhelos, auf der Suche. Nach Antworten. Bist du glücklich? Was macht dich glücklich? Was machst du, um glücklich zu sein, um glücklich zu werden? Was willst du werden, aus deinem Leben machen? Was willst du erreichen, bewegen? Bist du frei, unbeschwert? Willst du das sein? Was gibt dir Sicherheit? Wie kommst du vorwärts, was ist das Ziel? Renn um dein Leben, Wettlauf, hol den Preis. Ziellinie. Streckenabschnitt. Was sind deine Träume? Verwirklichst du sie? Was hindert dich daran, sie zu verwirklichen? Wer hindert dich daran? Wer tut dir nicht gut und was macht dir Spaß? Was tust du dir Gutes und was anderen? Schau dich um, Rücksichtnahme, Berührung. Kontakt, Verbindung. Ohne Abhängigkeit, Freiheit.

Ich nenne keine Antworten, zu verschieden sind sie, zu bunt. Vermutlich bunter als der Regenbogen, bunter als das Sonnenlicht, das sich im Mosaikfenster jener Kirche bricht, Punkte, die den Schatten durchlöchern, das erdrückende Dunkel leichter machen. Bunte Antworten, subjektive Meinungen, die zu jedem von euch gehören, die aber auch gerade nur im Moment eure Antworten sind. Flüchtig, wandelbar. Antworten, die die Farbe wechseln werden, mit euch und eurer Geschichte, Chamäleon. Und all diese Antworten sind nur Momentaufnahmen, kleine Anker, aber definitiv nicht die Lösung.


Denn die Lösung, das bist du, mit deiner Willenskraft, deiner Energie, deiner Stärke. Denn vor der Umsetzung steht der Wille. Du kannst nicht glücklich werden, wenn du es nicht willst, nicht deine Träume verwirklichen, wenn du nicht willst, wenn es dir gleichgültig ist. Aber wenn du den Entschluss gefasst hast, dich auf den Weg zu machen, dann wirst du auch ankommen. Wenn du willst, wirst du Mittel und Möglichkeiten finden, versuchen, ausprobieren. Und es wird funktionieren. Vielleicht nicht jetzt, nicht morgen, aber bald. Vielleicht nicht beim ersten Versuch, Experiment, Lotterie. Sicher aber bei einem der weiteren Versuche, Aufgeben ist keine Option. Sicher wirst du auf Grenzen stoßen, gegen Mauern rennen, die meisten hast du selbst errichtet. Und kannst sie niederreißen, mit voller Kraft oder abbauen, Stein für Stein. Denn oftmals bist es nur du selbst mit deinen Ängsten und Zweifeln, der dich daran hindert, deine Träume zu verwirklichen. Oftmals stehst nur du selbst dir im Weg, bist dein eigener Schlüssel, der klemmt.

Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, ja, du kannst nicht immer auswählen, dir nicht immer deine Lieblingssorte aussuchen. Marzipan nimmt dir jemand weg. Bekommst vielleicht nicht mal eine Praline, musst in den sauren Apfel beißen. Und dann? Ist die Lösung immer noch so simpel wie schwer. Die Lösung bist du. Du allein kannst entscheiden, wie du mit dem umgehst, was dir passiert, widerfährt, zustößt. Du allein kannst den Blickwinkel ändern, die Perspektive wechseln, die Straßenseite. Kannst die Sicht auf die Dinge ändern, deine Sicht. Setz die rosarote Brille ab und nimm ‘ne grüne, passend zum Apfel, der so sauer ist, dass du das Gesicht verziehen musst, so sauer, dass du aber süßes Marzipan umso mehr zu schätzen weißt, ab jetzt jedes Mal. Und wenn es nur das ist, was du dabei lernst, was dich eine andere Kameraeinstellung benutzen lässt. Schnitt.


Die eine Antwort gibt es nicht, mais la solution, c’est toi, c’est toujours toi. Du hast es in der Hand, den Schlüssel, die Kamera. Mach was draus. Dreh‘ den Schlüssel, die Tür wird sich öffnen. Wechsle die Perspektive, die Kamera wird laufen. Und dein Film geht weiter. 

Eure Jül

Sonntag, 16. August 2015

Feuerwerk

Ich stehe hier, inmitten von Menschen, tausenden Menschen, die gebannt zum Himmel starren. Die darauf warten, dass es endlich losgeht, dass endlich etwas passiert, erwartungsvolle Stille. Und ich warte mit ihnen, warte darauf, dass etwas diese Stille zerreißt, bevor sie mich zerreißt. Die Nacht ist schwül, die Laternen werfen ihr blasses, schwaches Licht den blitzenden Sternen entgegen. Die Luft ist heiß und aufgeladen, vor Spannung, Kurzschluss. Und da knallt etwas, knallt laut, durchbricht das leise Gemurmel der Menschen und übertönt die Nacht. Da schießen Raketen in die Luft, es zischt, es kracht und Farben fallen vom Himmel, Funkenregen. Explosion, etwas explodiert in mir. Und ich lasse meinen Tränen freien Lauf, leise, während um mich herum Feuerwerkskörper in die Luft schießen, die Nacht durchleuchten und die Sterne übermalen, Blau Weiß Rot, gold und glitzernd. Ich weine, weil es so schön ist, weil es schön war. Ich weine um diese Schönheit, die sich nur einen kurzen Moment im Himmel halten kann und dann verblasst, um die Funken, die zu Boden fallen wie erloschene Sternschnuppen. Vergänglich.

Und ich stehe hier inmitten von Menschen, tausenden Menschen, die tanzen, singen, sich im Takt der Musik bewegen. Menschen, die lachen, Spaß haben, an den Klängen und Melodien und am Leben. Ich schließe die Augen und lasse mich mitreißen, forttragen von den Liedern, den Stimmen und tanze, tanze bis ich fast das Gleichgewicht verliere, Karussell. Ich öffne meine Augen und blicke nach oben, sehe schillernde Seifenblasen, zehn, zwanzig, zehn mal zwanzig. Ich sehe ihnen hinterher und sehe in ihnen all meine Hoffnungen und Erwartungen, lass‘ sie fliegen, zusammen mit der Enttäuschung. Ich strecke die Hand aus, will sie berühren, einfangen, aber sie platzen. Aus der Traum.

Und ich sitze hier an diesem Fluss, alleine. Blicke auf’s Wasser. Klar ist es und ruhig, die Oberfläche glitzert, Goldstreifen. Lichter, die sich dort spiegeln, die mir den Spiegel vorhalten. Ich bin ruhig. Und stark. Dieses Mal wirklich, dieses Mal tue ich nicht nur so. Fachwerkhäuser vor mir, sie gehören zu dieser Stadt, die mir vertraut ist mittlerweile, in der ich mich jedoch immer noch nicht heimisch fühle. Trockenes Gras, von der Sonne verbrannt. Eine Flasche, die vorbeischwimmt, Wellengang, Flaschenpost. Rascheln, das mich aus meinen Gedanken reißt, zwei Mäuse, die sich jagen. Ich blicke ihnen hinterher, bis sie unter der Brücke und dann im Dunkeln verschwinden. Ich sitze ebenfalls im Dunkeln, sehe nur das Glimmen meiner Zigarette und den Rauch, wie er in den nächtlichen Himmel steigt. Mir geht es gut und mir geht es nicht gut, aber mir geht es gut damit, dass es mir nicht gut geht. Ist das komisch? Nein, es fühlt sich endlich normal an. Leichter. Und ich hab keine Lust mehr, diese Zigarette zu Ende zu rauchen, brauche Luft. Luft zum Atmen, nach diesem Film, der mich aufgewühlt, bewegt, zum Nachdenken gebracht hat. Ein guter Film, traurig zwar, aber gut. Und damit meine ich nicht nur den Film, den ich soeben mit Marie im Kino angesehen habe, nein, damit meine ich auch meinen Film. Ich sehe meiner Zigarette zu wie sie verglimmt, wie Ascheflocken in’s braune Gras fallen. Habe in der anderen Hand mein Feuerzeug, spiele damit, spüre die Zacken des Rädchens, die Hitze der kleinen Flamme. Höre das Lachen vom anderen Ufer, wo Menschen bei Wein und Bier zusammensitzen und reden, plaudern, über alles und nichts. Fühle den Wind in meinem Gesicht, wie er ein bisschen Abkühlung schafft nach der Hitze dieses Sommertages. Und ich bin immer noch ruhig, höre auf mit dem Feuerzeug, höre auf mit dem Feuer zu spielen. Lieber benutze ich mein Feuerzeug, um Bierflaschen zu öffnen, so wie es mir Yann vor ein paar Tagen gezeigt hatte.

Ich sehe aufs Wasser und sehe mich. Sehe alles was ist und kann es so lassen. Das ist nun mal der Lauf des Lebens, Strömung, flussabwärts. Aber ich nehme immer etwas mit, Reisegepäck, Proviant. Etwas, das mir Sicherheit gibt, das mich nicht untergehen lässt, wenn die Strömung mal stärker, der Wind mal heftiger ist. Etwas, das sich so robust anfühlt, wie der Baumstamm an dem ich lehne, raue Rinde. Und Wurzeln, die sich neben mir ausbreiten, stark und mächtig. Auch ich habe Wurzeln geschlagen, nicht an diesem Ort, nicht in dieser Stadt, aber irgendwo in mir, so komisch es klingen mag. Bin angekommen, irgendwie. 

Jül

Sonntag, 9. August 2015

Öfter mal...machen.

Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich…
Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich…
Wenn ich mehr Mut hätte, würde ich…

He, Stopp! Du hast alles, was du brauchst. Alles, was du brauchst, um deine Träume zu verwirklichen und um deine Pläne in die Tat umzusetzen. Oder zumindest, um einen Anfang zu machen, dich auf den Weg zu begeben, einfach mal zu machen, anstatt dich mit leeren Vorsätzen aufzuhalten, deine Abenteuerlust zu vertrösten, die Zeit verstreichen zu lassen. Das Leben wartet nicht. Die Welt dreht sich weiter, die Zeit verstreicht, rennt, rennt an dir vorbei. Und du stehst da, regungslos, gelähmt, lässt alle Möglichkeiten an dir vorbeiziehen, anstatt sie zu ergreifen. Anstatt die Initiative zu ergreifen. Bewegungsstarre, eingefroren.

Du wirst es bereuen. Du wirst bereuen, was du nicht gemacht hast. Und das nur, weil du zu faul warst, zu bequem, Angst hattest, unbegründet. Und dabei schmiedest du doch Pläne, hast zig Ideen im Kopf, Reiseziele, Träume, Dinge, die du erleben willst und Menschen, die du treffen willst. Dabei hast du doch alles, was du brauchst, um eben diese Träume real werden zu lassen, greifbar zu machen, erlebbar. Bunt, echt, farbenfroh. Zum Anfassen. Zum drin aufgehen, aufblühen, Sonnenblumenfeld und Blütenpracht. Dabei musst du doch nur handeln, einfach machen, raus aus der Komfortzone. Raus aus deinem Schneckenhaus, Wagnisse eingehen, Risiko vielleicht. Dich in’s kalte Wasser stürzen, Kopf voraus. Kopf aus, nicht denken, machen.

Und dann? Dann findest du dich vielleicht auf einem Festival wieder, alleine, aber inmitten einer Menschenmenge, die sich tanzend und singend zu Musik bewegt, die auch dich in beste Laune versetzt. Und dann brauchst du gar nicht mehr, nicht mehr als diese ganze Situation, in die du dich mit voller Absicht und ein bisschen Mut hineinmanövriert hast. Diese ganze Situation in der du irgendwann nicht mehr allein bist, weil du andere Menschen kennenlernst, die genauso mutig waren wie du. Oder Menschen, die sich dachten: „He, cool, die kommt einfach allein, die macht das, worauf sie Lust hat, die feiert sich selbst“ und die von selbst auf dich zukommen. Oder du fängst an, die Zeit mit dir zu genießen, zu merken, dass alleine ungleich einsam ist und dass du einfach nur mal machen musst.

Ja, manchmal braucht man Geld, um auf Reisen gehen zu können, auf Festivals, Konzerte. Aber das kann man sparen. Oder zusammenkratzen. Oder Alternativen finden, denn manchmal verbringt man einfach einen Abend mit alten Freunden und neuen Bekanntschaften, bei Dosenbier und Sternenglanz. Obwohl man keine Lust hatte. Und dann sieht man nicht nur Sternschnuppen, sondern lässt sich bereichern von den Meinungen und Ansichten anderer Menschen, Lebenseinstellung, Perspektive, Fokus.

Und ja, man braucht Zeit, um das zu tun, was man schon immer tun wollte und wofür im Alltag kein Platz ist. Aber he, wofür gibt es Wochenenden, Ferien, Urlaub, Feierabende und Nächte?

Mut? Kann man zusammenkratzen und sich nehmen. Mut fällt nicht vom Himmel, man hat ihn einfach. Nimm dir vor mutig zu sein und mach einfach mal.

Es lohnt sich.

Eure Jül

Sonntag, 2. August 2015

Bunte Kiste: Juli 2015

Neuanfang und Stolpern, Fallen und Aufstehen. Ablenkung und Heimweh. Ratlosigkeit und Verzweiflung, Umwege und Sackgassen. Abstand und Nähe. Ende, Enttäuschung ohne Ende.



Gefreut über: Schreibinspiration, eine erfolgreiche Wohnungssuche, süffigen Wein und gute Gespräche, Sprachnachrichten, Mojitos und Sightseeing mit Lili, Heimatgefühl, das PKG-Sommerfest, Festivals, Musik und Wiedersehen

Geärgert über: einen fehlenden Rahmen, meine Unfähigkeit mir einen Rahmen zu basteln, Abhängigkeiten, den Fahrraddieb, eine durchgeknallte Ex-Freundin, unerträgliche Temperaturen, westliches Konsumverhalten, Oberflächlichkeit, schlaflose Nächte, Selbstzweifel, die falsche Richtung und den falschen Weg


Auszüge aus meinem Tagebuch:

„Ich muss niemandem erklären wieso ich so bin wie ich bin. Bin gut so. Auch wenn ich vielleicht mal anstrengend bin.“

„Ich hätte es doch verdient oder??? Wie viele bittere Pillen muss ich noch schlucken, wie viele Prüfungen bestehen, wie viele Niederlagen einstecken?“

„Ich stehe mir so oft selbst im Weg, versperre mir die Tür zu meinem Glück. Und wenn ich mich dann selbst aus dem Weg geräumt habe, klemmt die Tür.“

„Ich will die Hand ausstrecken nach diesem hellen, schönen Lichtball. Es blendet, aber ich zwinge mich dazu die Augen aufzubehalten, will sehen, will gesehen werden. Will fühlen, eintauchen in diese Lichtkugel, will Glück fühlen, mich glücklich fühlen. Will dich berühren, berührt werden von dir, von der Leichtigkeit des Lebens. Und ich strecke die Hand aus, sehe, wie das Licht die feinen Härchen auf meinem Unterarm mit Gold überzieht, wie es Schatten auf die Vögel auf meinem Unterarm wirft. Fast sieht es aus als würden sie versuchen wollen loszufliegen, dem Licht entgegen. Und ich strecke die Hand aus und zucke vor Schmerzen zusammen, zucke zurück. Wieso war mir nicht bewusst, dass ich mit dem Feuer spiele? Wieso nur habe ich mich blenden lassen? Das Licht war wohl zu hell, die Verlockung zu groß und diese Vorstellung zu schön. (…) Und jetzt? Hab‘ ich mich verbrannt.“

„(…) und ich habe keine Lust meine Enttäuschung zu überspielen, meine Tränen wegzublinzeln. Und auch keine Kraft dafür. Muss mir meine Ressourcen gut einteilen, das da wäre Energieverschwendung. Und Selbstquälerei vermutlich. Also bin ich lieber vernünftig, jetzt, ausnahmsweise.“

„Wahnsinn, wie aus Ruinen noch solche Luftschlösser entstehen können. Luftschlösser, ohne Fundament und ohne Inhalt, der Zerstörung geweiht. Und doch verblüffend schön, fast einladend. Aber ich muss fernbleiben, nicht eintreten. Die Gefahr ist zu groß, dass alles über mir zusammenbricht, noch einmal. Aber nicht nur die Gefahr ist groß, auch die Verlockung. Süße Versuchung, bittersüß.“

„Ich dachte, ich komm‘ jetzt klar. Ich dachte, es reicht so zu tun als ob nichts gewesen wäre. Anscheinend nicht. Ich brauch ’nen neuen Plan, nicht nur einen auf Papier.“

„Ok, ich bekomm‘ die Dinge wieder in den Griff, nehm‘ die Fäden wieder in die Hand, zieh‘ daran. Lass‘ mich nicht mehr strangulieren.“

„Es kann doch nicht sein, dass alles, was mir so hart erarbeitet hab‘, mit einem Schlag weg ist, vernichtet. (...) Ich hatte immer den Eindruck als liefe ich vorwärts, stetig, mit einem Ziel vor Augen. War ich blind? (…) Ich hab‘ den Rückwärtsgang eingelegt, Umwege genommen. Hab‘ mich verfahren, eindeutig.“

„Müdeeee. Aber bin im Zug. Und es regnet, find’s voll schön irgendwie. :D“

„Jetzt ist Abend und – ich bin glücklich. Fühl mich wieder lebendig, (…) fühle überhaupt mal wieder was, was Positives. Ich fühl‘ mich echt.“

„Ich hatte mir vorgenommen ehrlich zu sein. Zu mir selbst und zu anderen. Aber vor allem erstmal zu mir selbst.“

„Und dann war’s so cool, ich hab’s so gefeiert, die Stimmung, die Leute, die Musik, mich selbst. Manchmal muss man einfach machen.“

„Yeah, vom Himmel Sturzflug, hart gelandet.“

„So, jetzt geht es um mich. Von mir aus bin ich egoistisch, aber ich bin jetzt wichtig, nur ich. Die anderen können machen, was sie wollen, ich mach das, was mir guttut. Und vor allem mache ich, will was erleben, will leben, intensiv.“


Und der August?

Ich freue mich auf: das nächste Festival, noch mehr Wiedersehen, einen Geburtstag in Nürnberg, das Fest, das Ende meines Praktikums und Tage daheim

Jule